Das Titelbild von Krankenhaus Melbeck - Disruption ist leider gerade nicht auffindbar.

Eine erste Leseprobe

1 Prolog

Der große Mann bedankte sich höflich und verlor keine Zeit mit unnötigen Kennenlernspielen: „Haben Sie bereits mit allen Mitgliedern des Stadtrates sprechen können? Wie ist die Stimmungslage?“

Bürgermeister Perschke stellte seine Kaffeetasse vorsichtig auf dem Tisch ab in der Hoffnung, dass Meiersiek seine zitternden Hände nicht bemerkte. Er richtete sich auf und antwortete in ruhigem und verbindlichem Ton: „Ich habe in den letzten Tagen mit allen wichtigen Mitgliedern gesprochen, persönlich oder telefonisch. Ausnahmslos alle waren sehr angetan von Ihrer Idee und haben mir ihre Zustimmung signalisiert. Wir können also ohne Sorge den nächsten Schritt gehen.“

Meiersiek zögerte kurz: „Ich mache mir keine Sorgen. Ich möchte nur keine bösen Überraschungen erleben. Was wir in dieser Stadt vorhaben, wird für alle Beteiligten ein Erfolg werden. Darin sind wir beide uns ja einig. Ihre Stadt bekommt etwas, sie trägt dabei keinerlei Risiko und für den sehr, sehr unwahrscheinlichen Fall, dass es doch schiefgeht, gewinnen Sie trotzdem. Worüber also sollte ich mir Sorgen machen?“ Der Gast schaute Perschke durchdringend an. „Nein. Ich möchte vermeiden, dass es auch nur den kleinsten Unwillen oder Ärger gibt oder schädliche Diskussionen geführt werden. Ich möchte den absolut positiven Rahmen schaffen. Den braucht eine solche Angelegenheit, damit alle Beteiligten ihren Job machen können und es ein Erfolg wird.“

Perschke nickte zustimmend.

Meiersiek fragte: „Werden Sie mit allen sprechen?“

„Nun ja“, antwortete der Bürgermeister zögerlich, „ich hatte eigentlich nicht vor, alle zu kontaktieren. Wenn Sie jedoch meinen, dass das wichtig ist, dann kann ich das natürlich gerne tun. Es bleiben ja noch ein paar Tage bis zur Ratssitzung am Freitag.“

Meiersiek nippte an seinem Glas und schaute den Bürgermeister mit einem Blick an, der keinen Widerspruch als mögliche Reaktion kannte. „Ja, das wäre wohl besser. Vielen Dank. Gesundheitsversorgung ist nun einmal eine sensible Angelegenheit. Manchmal sogar eine politische Überlebensfrage. Wer weiß schon, wer wieder hinter welchem Busch lauert und auf den größten Moment in seiner Politikerlaufbahn hofft. Wenn Sie sich die Zeit nehmen können, würde es mich sehr freuen. Sollten Sie auf kritische Fragen oder Widerstände stoßen, dann informieren Sie mich bitte.“

„Das ist kein Problem.“ Perschke ließ in Gedanken seinen übervollen Terminkalender ablaufen. Geht schon, sprach er sich Mut zu. „Ich melde mich, sobald ich irgendwo Hindernisse erkenne.“

Meiersiek nickte zustimmend. „Danke. Was ist mit dem aktuellen Geschäftsführer, diesem Bender. Taugt der was?“

Perschke dachte einen Moment nach. Wie offen sollte er ihm gegenüber sein? Besser nichts Wichtiges verheimlichen, entschied er. Menschen wie Meiersiek informierten sich sehr genau, bevor sie sich auf etwas festlegten. Dafür hatten sie Heerscharen von Leuten, die sie dafür bezahlten, jeden Stein umzudrehen. Die großen und die ganz kleinen. Wahrscheinlich wusste er längst alles über Bender, was es überhaupt zu wissen und nicht zu wissen gab. Sicher kannte er auch ihre gemeinsame Vergangenheit. Seine Meinung stand längst fest, da war er sich sicher. Vielleicht ein Loyalitätstest. Perschke antwortete: „Bender ist okay. Die Medisan AG hat ihn vor einem halben Jahr auf diesen Posten gesetzt. Zuvor war er in verschiedenen anderen Krankenhäusern des Unternehmens tätig. Als Stadt hatten wir bei der Besetzung kein Mitspracherecht. Ich habe aber keinen Grund dafür gesehen, zu intervenieren. Bislang scheint er seine Sache gut zu machen. Patientenzahlen und Umsätze steigen, die Kostensteigerungen der Vergangenheit nehmen ab. Soweit ich dem vorläufigen Jahresabschluss 2018 trauen kann, hat er den Verlust der Vorjahre um mehr als 10 Prozent verringert. Es gibt keine Skandale. Außerdem höre ich wenig aus dem Inneren, was in unseren dörflichen Stadtstrukturen ein sicheres Indiz dafür ist, dass er sich noch nicht allzu viele Feinde gemacht haben kann.“ 

„Das habe ich auch gehört.“

„Ich kenne Bender noch aus meiner Schulzeit. Er war immer sehr zielstrebig, sehr intelligent und äußerst kommunikativ. Ein korrekter und vorsichtiger Mensch. Ein wenig kopflastig, aber ein sympathischer Typ. Ich würde mir wünschen, dass wir es mit ihm versuchen.“ Ein Konjunktiv, dachte Perschke irritiert.

Meiersiek lehnte sich auf der tiefen Couch zurück. Er wirkte entspannt, aber aufmerksam. „Mahler und Freitag, die aktuellen Chefs von Bender, verfügen über zwei Kriterien zur Auswahl von Geschäftsführern. Entweder sie suchen einen hörigen Diener, der straight, ohne Nachdenken und effizient ihre Weisungen umsetzt. Oder sie haben ein echtes Problem, dann suchen sie sich jemanden aus, der selbst denken kann. Was meinen Sie? Was trifft in Benders Fall zu?“

Beide Alternativen gaben Perschke zu denken. Als hörigen Lakaien hatte er Bender nie gesehen. Eher als Denker und vorsichtigen Macher. Ein Problem hatten sie allerdings gehabt, als die Stadt ihr Krankenhaus vor drei Jahren an Medisan verkauft hatte, „verscheuert“ muss man wohl heute sagen. Der Verkauf war kein Ruhmesblatt gewesen. Doch das war vor seiner Zeit gewesen. Er erwiderte: „Wenn ich es recht bedenke, dürfte es eher die zweite Alternative sein. Ein echtes Problem. Die Stadt hat ihr Krankenhaus nicht ohne Grund verkauft, wie Sie sich denken können. Angesichts der finanziellen Löcher, die uns an den Rand unserer Handlungsfähigkeit gebracht haben, gab es kaum Widerstand. Weder von links noch von rechts.“

„Okay,“ bestätigte Meiersiek, „Sie meinen also, wir sollen es mit ihm versuchen?“

„Ja, ich halte ihn für fähig und vor allem für lernfähig. Wie ich höre, hat er einen konstruktiven Draht zu den Mitarbeitern, insbesondere zur Klinikleitung und dem ärztlichen Fachpersonal aufgebaut. Ich vertraue ihm.“ Perschke war sich nicht sicher, aber hatte er eine Alternative? Seinen ehemaligen Klassenkameraden und engen Freund über die Klinge springen lassen?

„Gut, dann richten Sie ihm bitte aus, dass ich ihn am Freitag nach der Stadtratssitzung im Krankenhaus besuche. Dann sehen wir weiter.“ Ohne Hast leerte Meiersiek sein Glas und stieß sich elegant kraftvoll von der Couch ab. „Leider muss ich jetzt weiter. Wenn Sie etwas hören, rufen Sie mich jederzeit an. Meine Mobilnummer haben Sie ja. Vielen Dank für das Gespräch. Es war schön, Sie kennenzulernen.“

Perschke erhob sich ebenfalls und gab Meiersiek zum Abschied die Hand. „Wie haben Sie es geschafft, Medisan zum Verkauf zu bewegen? Das kommt für mich doch sehr überraschend. Man könnte meinen, dass es eine sehr teure Angelegenheit war.“

Perschke meinte, ein kurzes Lächeln in Meiersieks ansonsten ausdruckslosem Gesicht zu erkennen. Nicht gekünstelt, nicht selbstgefällig, eher nüchtern und beinahe triumphierend.

„Es war nicht schwer und es war nicht teuer. Im Aufsichtsrat der Medisan gibt es äußerst fähige Leute, die mir einen Gefallen schulden. Und irgendwann muss man seine Schulden begleichen. Der Verkauf geht zum 1. Mai über die Bühne. Ich fahre von hier aus zum Notar und unterschreibe die Verträge. Dann geht es sofort los. Es ist alles vorbereitet. Wir geben dazu am Freitag eine Presseerklärung heraus.“ Er machte einen Schritt auf die Tür zu. „So, jetzt muss ich aber wirklich los. Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche. Wir sehen uns am Freitag um 10:55 Uhr im Sitzungssaal.“ 

Perschke ging voran, öffnete die schwere, dunkle Holztür und verabschiedete seinen Gast. Der nickte ihm und Frau Kapuske zum Abschied höflich zu und verließ wortlos das Zimmer. Rein, raus. Keine Diskussionen. Einhundert Prozent Ergebnis. Perschke war beeindruckt.

Ende der Leseprobe Kapitel 1

2        Exekution

Achim Mahler beugte seinen Oberkörper unmerklich vor. Der untersetzte Mittfünfziger kniff die Augen zusammen und sah Felix Bender mit festem Blick an. 

„Das EBITDA der Medisan-Klinik Melbeck sinkt den dritten Monat in Folge. Es liegt aktuell bei kaum 1 Prozent. Das ist der Stand März, also in der Regel der stärkste Monat des Jahres. Das ist kaum besser als in den Jahren zuvor. Ihre Liquidität ist gegenüber Dezember um weitere 15 Prozent gesunken und ihre MES-Kennzahlen sehen ebenfalls nicht besonders gut aus. Können Sie mir bitte erklären, was bei Ihnen los ist?“ Mahler kniff die Augen zusammen, sodass seine dichten Brauen wie ein bedrohlicher Vorhang über seinem Gesicht lagen. „Wir haben Sie geholt, damit wir in Melbeck zügig den Turnaround schaffen. Wir haben Sie mit Sicherheit nicht geholt, damit Sie es noch schlimmer machen!“

Er lehnte sich in seinem schwarzen Konferenzstuhl zurück und blickte erst seinen Kollegen Lennart Freitag an, den medizinischen Vorstand des Unternehmens. Dann wendete er sich Bender mit maskenhaft grimmiger Miene zu. Sein Rücken blieb dabei kerzengerade, als ob er jeden Augenblick aufspringen und seinem Gegenüber an den Kragen gehen wollte. Mahler war kaufmännischer Vorstand der Medisan AG, des fünftgrößten Krankenhauskonzerns in Deutschland. Er regierte über sechsundzwanzig Krankenhäuser, dreißig medizinische Versorgungszentren und diverse Servicegesellschaften. Damit war er verantwortlich für mehr als vierundzwanzigtausend Angestellte und mehr als zwei Millionen Patienten pro Jahr. Er hatte ein Wörtchen mitzureden in der Szene. 

„Herr Bender, Sie hatten als neuer Geschäftsführer sechs Monate Zeit, Ihr Krankenhaus unter die Lupe zu nehmen und eine für uns nachvollziehbare Planung vorzulegen, wie Sie das Unternehmen in Fahrt bringen wollen. Anstatt uns endlich Hoffnung zu machen, korrigieren Sie Ihren Forecast für das laufende Jahr nach unten. Können Sie mir das bitte erklären?“

Bender bemühte sich, ruhig zu bleiben. Er wusste, dass dieser Vorstand viel redete, aber wenig zuhörte. Was auch immer er sagen würde, es würde wie eine Ausrede klingen. Er gab sich einen Ruck und sagte: „Die Planungen von Lars Lokowski, meinem Vorgänger, waren vom ersten Tag an unrealistisch. Trotz nachweisbar steigender Sachkosten und kräftiger Tariferhöhungen geht der Plan 2019 davon aus, dass unsere Kosten stabil bleiben. Und das bei einer angesetzten Leistungssteigerung für das Jahr 2019 von mehr als 8 Prozent. Landesweit gehen wir von einer sinkenden Bevölkerungsdichte und von einem allgemeinen Patientenwachstum von maximal 3 Prozent aus. Unser Plan sieht also ein überproportionales Wachstum bei gleichzeitiger Kostensenkung in Größenordnungen von 8 bis 10 Prozent vor. Ich halte das nicht nur für unrealistisch, sondern für utopisch.“ Er hatte es gesagt. Es gab nun kein Zurück mehr.

Mahler blieb ungerührt. Er schien nicht wütend zu sein, zumindest ließ er sich nichts anmerken. Wie immer. Ein völlig kalter Fisch, dachte Bender. So kalt wie seine Exceltabellen.

Mahler seufzte. „Utopisch wäre, wenn Sie und Ihre Leute unter unseren Erwartungen blieben. Ihr Vorgänger hat uns seine Planungen für 2019 bis in das letzte Detail erklärt. Unser Controlling hat die Zahlen geprüft. Wenn Sie wirklich recht hätten, wären alle anderen außer Ihnen ziemliche Deppen, meinen Sie nicht? Der Vorstand inbegriffen. Wollen Sie mir das sagen?“

Das Gespräch nahm eine Wendung, die Bender in dieser Schärfe nicht erwartet hatte. Er schien einen wunden Punkt bei Mahler getroffen zu haben. Oder Mahler spielte nur wieder sein Spiel. Sein Vorstandsspiel. Insgeheim hatte Bender gehofft, die völlig unrealistischen Annahmen, die Lokowski ihm als Erbe hinterlassen hatte, aus der Welt schaffen zu können. Nun schwante ihm, dass es nicht Lokowskis Luftschloss gewesen war, sondern das des Vorstands. Welchen Sinn konnte es haben, eine Wirtschaftsplanung aufrechtzuerhalten, die kein vernünftiger Mensch jemals so aufgestellt hätte? Bender schaute Mahler an und wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als dieser mit langsamer, beängstigend ruhiger Stimme weitersprach: 

„Herr Bender, Sie können wirklich von Glück reden, dass Ihre Probezeit seit vier Tagen beendet ist. Wahrscheinlich hätte ich Sie ansonsten heute gefeuert. Ihnen ist vermutlich die Situation nicht ganz klar. Ein Krankenhaus an diesem Standort, mit faktischer Alleinlage, überschaubarer Größe und mit den Ressourcen unseres Konzerns im Rücken muss mittelfristig ein EBITDA von mindestens 15 Prozent erzielen. Davon ist dieser Laden weit entfernt.“ Mahler fixierte ihn mit hartem Blick. „Es gibt sicher sehr viele überaus gute Gründe, warum Sie dieses Ziel nicht erreichen. Nach denen suche ich aber nicht. Ich will sie nicht einmal hören. Sie sind engagiert worden, um die Wende einzuleiten und unsere Erwartungen zu erfüllen. Wenn Sie sich dazu nicht in der Lage fühlen, dann haben Sie genau jetzt die Gelegenheit, das zu sagen.“ Er musterte Bender einen Moment lang, ließ seine Worte wirken. „Ansonsten kann ich Sie nur bitten, Ihren Job zu erledigen. Ein Krankenhaus zu führen ist schließlich kein Ponyhof, auch wenn Sie das vielleicht glauben. Uns sitzen die Banken und der Aufsichtsrat im Nacken. Wenn Sie uns nicht bald klare Signale senden, wie Sie Ihre Ziele umsetzen wollen, werden wir Ihnen erst ein paar wohlmeinende, aber sicher zündende Vorschläge unterbreiten und dann Ihr gesamtes Investitionsprogramm überprüfen. Ich glaube nicht, dass das in Ihrem Interesse liegt.“

Privatdozent Doktor Lennart Freitag, der medizinische Vorstand, hatte bis dahin wort- und regungslos neben Mahler auf seinem Stuhl gesessen, vor sich seinen Laptop, den der Mediziner stets bei sich hatte, als wäre es sein unverzichtbares zweites Ich. In diesem Moment schaute er auf und ergriff erstmals das Wort: „Bis jetzt haben wir hauptsächlich über Geld gesprochen, Herr Bender. Ihr Ergebnis und ihre MES-Kennzahlen sind das eine, Ihre Qualitätskennzahlen das andere. Wir haben Ihnen die Kennzahlen bereits im letzten Monat zugeschickt und warten bis heute auf eine Stellungnahme von Ihnen.“ Freitag streckte entspannt seine langen Beine aus und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ich habe in diesem Haus selten derart viele rote Ampeln gesehen. Ich bin sehr gespannt auf Ihre Erklärung. Leider können wir über das Thema jetzt nicht mehr ausführlich sprechen, dafür reicht die Zeit nicht.“ Er tippte mit dem Finger auf den Tisch. „Ich benötige von Ihnen zu allen Kennzahlen, die entweder rot markiert sind oder sich seit Dezember verschlechtert haben, aussagekräftige Begründungen und nachvollziehbare Maßnahmen, mit denen wir diese Defizite in Zukunft abstellen werden. Diese Informationen benötige ich bis Donnerstag. Wenn Sie Unterstützung brauchen, melden Sie sich. Allerdings gehe ich davon aus, dass Sie das alleine hinbekommen.“ 

Bestellen Sie hier online

Freitag schaute wie nebenbei auf seinen Laptop. Offensichtlich versiegte sein E-Mail-Strom niemals. Bender wartete auf den Tag, an dem er eine Mail von Freitag bekam, während sie miteinander sprachen. Derartige Geschichten kursierten bereits im Unternehmen.

Bender wurde nervös. „Das sind nur noch zwei Tage“, erwiderte er. „Ich werde unsere Medizincontrollerin einschalten müssen und vermutlich die verantwortlichen Chefärzte befragen. Bis nächste Woche Donnerstag müsste das zu machen sein.“

Freitag musterte ihn leidenschaftslos, fast schon verächtlich, und antwortete dann mit seinem typisch spöttischen Lächeln: „Wir benötigen Ihre Erläuterungen diesen Donnerstag, nicht nächsten. Am Wochenende werden unsere Leute die Aufsichtsratssitzung am Montag vorbereiten. Zwei Tage müssen Ihnen wohl oder übel reichen.“ Er schaute nach rechts zu seinem Kollegen. „Es tut mir leid, ich muss jetzt los. Donnerstag also!“ Er stand auf, packte seinen Laptop und verließ ohne ein Wort des Abschieds den Raum.

Bender saß wie betäubt auf seinem Platz. Er konnte nicht glauben, was er gerade erlebte.

Mahler übernahm nahtlos das Gespräch: „Wir haben uns sehr viel von Ihnen versprochen, Herr Bender. Ich würde es bedauern, wenn unsere Zusammenarbeit ein schnelles Ende nehmen würde. Sie sind zwar jung, doch ich hatte eigentlich das Gefühl, dass Sie wissen, was Sie wollen.“ Er blickte Bender durchdringend an. „Ich war mir sicher, dass sie es schaffen können. Ich hoffe sehr, dass ich mich nicht in Ihnen täusche.“ Bender versuchte vergeblich, dessen maskenhafte Miene mit seinen Worten in Einklang zu bringen. „Was Sie vielleicht nicht wissen“, fuhr Mahler fort, „ist, dass wir nicht deshalb so erfolgreich sind, weil wir tolle Pläne aufstellen. Nein. Wir halten sie sogar ein. Immer! Ob so oder so. Leider ist mein Kollege wegen der Banken etwas nervös. Der Aufsichtsrat denkt über einen Verkauf der Melbecker Klinik nach. Es liegt uns ein interessantes Angebot vor, das zu verlockend ist, als dass man es ignorieren könnte.“ 

Bender zuckte irritiert zusammen. Seine Gedanken fuhren Amok. Diese Information war ihm neu und veränderte die Situation vollkommen. Als wäre nichts geschehen setzte Mahler seinen Redestrom fort: „Am Montag wird das Angebot im Aufsichtsrat behandelt. Niemand kann heute sagen, wie dieser Vorgang enden wird. Vermutlich können wir die Entscheidung noch bis Juni aufschieben. Wer weiß. Vieles wird davon abhängen, wie wir als Vorstand argumentieren. Doch wenn wir keine sehr guten Argumente an die Hand bekommen, werden wir verkaufen und den Erlös für günstige Zukäufe im Süden der Republik verwenden. Denen dort unten geht es gerade derart schlecht, dass die Kommunen uns ihre Kliniken für ein wahres Handgeld vor die Füße werfen. Blöd für die, gut für uns.“ Er verzog sein Gesicht zu einem gehässigen Grinsen. „Geschenkten Gäulen schaut man bekanntlich nicht ins Maul. In diesem Fall wäre es das dann mit Melbeck, ein kurzes brandenburgisches Abenteuer. Und vermutlich auch für Sie.“ Mahler lächelte. „Eigentlich will ich ja nicht verkaufen, doch um es deutlich zu sagen: Wir brauchen Ergebnisse und vor allem Liquidität. Und das schnell. Qualitätsprobleme können wir schon gar nicht gebrauchen. Rote Ampeln im Qualitätsbericht sind gar nicht gut, überhaupt nicht. Wie Sie wissen, sitzen im Aufsichtsrat keine Mediziner. Diese Leute interessieren sich ausschließlich für Geld und Ampeln. Rot ist schlecht, Grün ist gut. So einfach ist das.“

Er beugte sich vor. Die Szene hatte etwas Verschwörerisches. „Prüfen Sie nach, wie Ihre Leute die Daten erfassen. In anderen Häusern haben wir festgestellt, dass der eine oder andere Arzt, Medizincontroller oder auch Geschäftsführer etwas übereifrig darin ist, sich selbst schlechtzucodieren. Man kann sich rote Ampeln auch herbeischreiben. Finden Sie die Fehler in Ihrer Dokumentation und korrigieren Sie die Daten rückwirkend zum Januar, soweit das technisch möglich ist. Ich werde der IT die Anweisung erteilen, die rückwirkende Dateneingabe freizugeben, ohne dass Ihre Änderungen protokolliert werden.“ Er hielt kurz inne. „Okay, das war’s dann für heute. Machen Sie sich an die Arbeit.“ Mahler stand auf, nickte Bender kurz zu und verließ den Raum. „Angenehmen Rückflug“, schickte er ihm im Hinausgehen hinterher. „Alles Gute.“

Ende der Leseprobe Kapitel 2

7  Pickart

Die Zeit bis zum Eintreffen von Frau Pickart verging quälend langsam. Bender versuchte sie mit Telefonaten, Mails und anderen Ablenkungsmanövern auszufüllen. Immer wieder schaute er aus dem Fenster auf die Straße. 

Um kurz vor zehn fuhr ein Smart auf den Parkplatz. Das Auto sah unschlüssig aus, welchen Parkplatz es besetzen sollte. Schließlich stellte es sich quer zwischen Benders Q5 und den Haupteingang. Bender beobachtete die Szene. Schließlich öffnete sich die Wagentür und eine kleine, zierliche Person von vielleicht Anfang dreißig stieg aus. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Sie beugte sich zurück in den Wagen, suchte offensichtlich etwas. Kurz darauf sah er sie. Es verschlug ihm den Atem. Die Frau war bildhübsch, sonnengebräunt und – wie es schien – äußerst sportlich. Selbst auf diese Entfernung strahlte sie eine beeindruckende Lebendigkeit aus. Bender beobachtete, wie sie ihren Smart abschloss, sich kurz orientierte und dann zielstrebig auf den Haupteingang des Krankenhauses zuschwebte. Es war die Frau, die er am Freitag mit Meiersiek in dessen Auto hatte einsteigen sehen. Seine vermeintliche Assistentin. Meiersieks Worte klangen deutlich in seinen Ohren: Unterschätzen Sie sie nicht. Nein, das würde er nicht.

Er hatte Nina Laufer gebeten, sie in sein Büro zu führen, nicht in den Besprechungsraum. Er wollte seinen Heimvorteil in vollem Umfang ausspielen.

Wenige Minuten später kündigte Nina Laufer ihre Ankunft an und die Frau trat ein. Aus der Nähe sah sie noch beeindruckender aus. Sie stand in der Tür, blickte ihn an und lächelte. „Guten Morgen Herr Bender. Da bin ich also.“

Bender war aufgestanden, kam um seinen Schreibtisch herum und gab ihr die Hand. „Guten Morgen Frau Pickart. Felix Bender. Herzlich willkommen in Melbeck, schön dass Sie da sind.“

Ihre strahlend blauen Augen und ihr gewinnendes Lächeln raubten ihm seine Konzentration. Und den Atem. Hoffentlich verschont sie meinen Verstand, dachte er. Reiß dich zusammen, befahl er sich selbst.

„Nennen Sie mich bitte Luise.“

Bender fühlte sich überrumpelt. Er zögerte. „Okay“, stotterte er, „gerne, ich heiße Felix.“

Sie schmunzelte. „Ich weiß. Wollen wir uns setzen?“

Er lief rot an. Zumindest glaubte er das. „Ja, natürlich. Nehmen Sie Platz.“ Er zeigte auf den Stuhl, der an seinem Schreibtisch stand. „Möchten Sie etwas trinken? Tee, Kaffee oder etwas anderes?“

„Ein Tee wäre prima, danke.“

Er zögerte einen Moment. „Ich glaube“, sagte er, „wir gehen doch lieber in meinen Besprechungsraum. Dort ist es gemütlicher. Sind Sie einverstanden?“ Sein Büro fühlte sich mit einem Mal falsch an. 

„Klar. Ich folge dir.“ Bender zuckte zusammen. Ihre Duzkultur war ihm fremd.

Sie gingen hinüber und setzten sich gegenüber an den Besprechungstisch. Nina Laufer brachte die Getränke. Sie bedankten sich.

Bevor sich das Schweigen zu einer betretenen Stille auswachsen konnte, ergriff Luise Pickart das Wort.

„Ich kann mir vorstellen, dass die gesamte Situation für dich verwirrend ist. Ich kenne Meiersiek und seine Wirkung auf Menschen. Auf einmal ist alles anders, von einem Tag auf den anderen. Dann komme ich auch noch. Wahrscheinlich denkst du, jetzt schickt er seine Sekretärin.“ Sie schmunzelte. „Ich kenne das.“ 

Bender fühlte sich ertappt. Immerhin hatte er sie nicht für seine Sekretärin, sondern für seine Assistentin gehalten. Er ließ das als Pluspunkt für sich gelten, auch wenn dieser minimale Unterschied in Zeiten überbordender Titelinflation sicher zu vernachlässigen war. Er hoffte nur, dass er nicht abermals seine Gesichtsfarbe gewechselt hatte. Er schwieg, schaute sie nur an.

„Ich heiße Luise Pickart. Ich bin vierunddreißig. Ich bin Ärztin, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie, um genauer zu sein. Und für plastische Chirurgie. Im letzten Jahr habe ich meine Habilitation eingereicht und abgeschlossen.“ Sie reichte ihm seine Visitenkarte. Mechanisch nahm er sie entgegen und las.

„Seit zwei Jahren arbeite ich für DiTec im Bereich Organisations- und Systementwicklung. Medizin fasziniert mich. Doch ich wollte mehr darüber erfahren, wie Organisationen funktionieren. Ich bin unverheiratet und habe keine Kinder. Leider!“, schob sie mit nach. Ihre Stirn zeigte winzig kleine Falten. „Jetzt bin ich hier. Mein Auftrag lautet: Mach das Krankenhaus zu einem Leuchtturm.“

Was für ein Auftritt, dachte Bender und konnte seine Gefühle kaum mehr verbergen. Sie hatte ihn mit ihrer Offenheit und Direktheit völlig überrumpelt. Wie es schien war sie eine dieser Wunderfrauen, deren Lebensweg für Normalsterbliche nur schwer zu begreifen war. In allem zu perfekt, um wahr zu sein.

Sie blickte ihm direkt in die Augen. „Damit hätten wir das geklärt und können an die Arbeit gehen. Was meinst du?“

„Hm, ja. Vielen Dank. Ich vermute, dass ich …“ Er stockte. „… dir nichts Neues über mich erzählen kann, was dir nicht bereits bekannt wäre. Liege ich damit richtig?“

Sie schmunzelte. „So ist es. Unsere Rechercheabteilung hat gründliche Arbeit geleistet, nehme ich an.“

„Das hatte ich befürchtet. Okay, wo wollen wir anfangen?“

Sie überlegte. „Das müssen wir gemeinsam herausfinden.“

Er musterte sie neugierig: „Wo auch immer wir anfangen, wir werden eine große Hürde zu überwinden haben. Unsere Chefärzte und Chefärztinnen. Ich habe am Freitag mit ihnen gesprochen. Sie sind skeptisch. Sie befürchten einmal mehr das Schlimmste. Ich schätze, sie sind auf Blockade und Abwarten gepolt. Es muss uns irgendwie gelingen, sie mitzunehmen.“

„Wohin?“, fragte sie und hatte dabei beide Augen weit aufgerissen.

Er sah sie erstaunt an. „Um ehrlich zu sein, wüsste ich das auch gerne. Vielleicht an irgendeinen Ort oder in irgendeinen Zustand, der besser ist als das Heute.“

Sie schmunzelte. „Ja, das wäre nicht schlecht. Wie würden denn deine Ärzte diesen Ort definieren oder diesen Zustand, der besser ist als das Heute?“

Er grübelte einen Moment über ihre Frage. „Vermutlich werden sie sagen, dass an diesem Ort oder in diesem Zustand mehr Mitarbeiter sich um weniger Patienten kümmern werden. Sie werden sich mehr Räume, mehr medizinische Geräte und mehr Zeit für ihre Patienten wünschen. Weniger Einmischung von mir. Der eine oder andere wird sich andere Patienten herbeisehnen. Irgendetwas in diese Richtung werden sie vermutlich wollen.“

Luise nestelte an ihrer Handtasche. Einen Moment lang glaubte Bender, Nervosität bei ihr zu erkennen. Sie wirkte ernster als zuvor. Er begann sich etwas zu entspannen. Ihre Lockerheit hatte ihn nervös gemacht. Sie nahm ihn in den Blick und nickte scheinbar verständnisvoll. „Das ist doch schon mal ein Anfang. Es gibt also etwas, das besser zu sein scheint, als es heute ist. Darauf kann man doch aufbauen, oder?“

„Na ja, wie man es nimmt. Sie werden sich allerhand tolles Zeug wünschen, das ebenso teuer wie fantastisch ist. Ihre Wünsche werden derart unrealistisch sein, dass vielleicht nicht einmal sie selbst sie zu wünschen wagen. Wer schreibt gerne Wunschzettel, wenn er von vornherein weiß, dass er davon nichts bekommen wird?“

Luise antwortete: „Vielleicht hast du recht, vielleicht auch nicht. Wir werden es herausfinden. Was wäre denn der neue, bessere Zustand, den dudir wünschst? Dieser Zustand könnte ja realistischer sein als der deiner Ärztinnen und Ärzte.“

Genau darüber hatte sich Bender am Wochenende den Kopf zerbrochen. Doch immer wieder war er hoffnungslos an demselben Punkten gestrandet: mehr Personal, mehr Räume und mehr Geräte. Mehr Eigeninitiative, mehr Kooperation und mehr Gefolgschaft. Er erschauderte bei der Vorstellung, wie unfähig er sich in diesen Momenten gefühlt hatte und wie wenig Fantasie er aufzubringen vermochte, wenn es um die Skizze für eine bessere Zukunft seines eigenen Unternehmens ging. Dabei hatte ihn der Gedanke schier überrollt, wie wenig er doch seine eigene Organisation kannte. Jedenfalls jenseits von Fallzahlen, Case-Mix-Punkten, Kosten, Erlösen oder Gewinnen. Ihn verstörte, wie fantasielos und irgendwie visionslos er sich fühlte, ohne genau sagen zu können, warum eigentlich. Vielleicht, so hoffte er inständig, war ja bei Licht betrachtet vieles besser, als es auf den ersten Blick schien. Dann könnte doch alles so bleiben, wie es ist. Er verwarf den Gedanken so schnell, wie er ihm in den Kopf geschossen war.

„Ich weiß es nicht“, gestand er schließlich. „Ich habe viel darüber nachgedacht. Aber ich bin jedes Mal an den immer gleichen, faden Punkten hängen geblieben. Ich kann es nur genauso sagen und offen eingestehen: Ich habe keine Ahnung, wie eine bessere Zukunft für uns aussehen könnte. Ich hadere zwar mit dem Hier und Jetzt, doch mir fehlt augenscheinlich die Fantasie, ein vernünftiges Zukunftsbild zu malen, das ich für erreichbar halte. So sehr ich mich auch bemühe.“ 

In diesem Moment wunderte Bender sich, wieso er das einer Frau beichtete, die er seit nicht einmal fünfzehn Minuten kannte. Seine Hände verkrampften sich unter dem Tisch zu weißen Fäusten. Ihm lief unsichtbarer Schweiß über die Stirn. Unvorsichtig, sehr unvorsichtig, grollte er. 

Luise nickte verständnisvoll und nippte an ihrer Teetasse. Ihr Ton blieb ausdruckslos, während sie ihm in die Augen sah: „Wie willst du sieben Führungskräfte inklusive deines Pflegedirektors irgendwohin mitnehmen, wenn du nicht einmal selbst definieren kannst, wohin? Das ist Problem Nummer eins. Ein anderes Problem scheint mir nicht weniger wichtig zu sein. Warum können deine wichtigsten Führungskräfte nicht selbst laufen? Warum müssen sie von irgendwem und irgendwohin mitgenommen werden? Sie sind klug, erwachsen und hoch bezahlt. Müsste man nicht von diesen privilegierten Menschen in einer Führungsposition erwarten können, dass sie sich an die Spitze einer Bewegung setzen? Muss man sie wirklich zu jedem Schritt zwingen? Überreden? Überzeugen? Warum erlaubst du ihnen, dass sie es dir so schwer machen und du ihnen bei jedem Schritt helfen musst, der zu gehen ist?“ Sie musterte ihn provozierend.

„Eine gute Frage“, billigte Bender ihr zu und versuchte so, Zeit zu schinden.

Ende der Leseprobe Kapitel 7

27 Chaos

Steffen Ganz wirkte müde. In Jeans und T-Shirt hing er wie ein nasser Lappen in Benders Büro und schaute versonnen auf die Regentropfen, die seit Tagen die Region in einen düsteren Kokon hüllten. Bender setzte sich zu Ganz. Luise stand am Fenster und blickte nachdenklich auf sie herunter.

Ganz schnaufte und mit tiefer Erschöpfung in der Stimme begann er seinen Bericht: „Ich habe fünf Tage auf der Chirurgie verbracht. Sollte ich jemals den Wunsch verspürt haben, als Arzt oder Pfleger in einem Krankenhaus zu arbeiten, dann würde ich mich spätestens jetzt nach einem anderen Zeitvertreib umsehen.“ Die ruhige Stimme von Ganz versetzte die Stille des Raums in Vibrationen. „Ich war ja vorgewarnt. Und trotzdem. Was ich in dieser Woche erlebt habe, übersteigt meine lebhaftesten Fantasien um ein Vielfaches.“

„Erzähl!“, forderte Bender ihn auf. Auf Luises Betreiben waren sie gemeinsam essen gegangen und auf das mittlerweile betriebsübliche Du umgestiegen. Bender gewöhnte sich langsam an diese Praxis. Er wusste, was nun kam, und konnte sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Er hoffte, dass Ganz nichts davon mitbekam. Willkommen im Club der Ernüchterten, dachte sein Kopf.

Ganz schüttelte angewidert den Kopf: „Ich habe mehrere Tage und mehrere Schichten einfach im Stationszimmer der 3 gesessen. Bin über die Gänge getigert. Wenn man so etwas macht, dann will man die Atmosphäre aufnehmen, die Stimmung. Ich habe versucht herauszufinden, ob ich in all dem Gewusel und Gerede ein System erkennen kann. Etwas Geordnetes, Geplantes. Insgeheim wollte ich die Bestätigung dafür finden, dass die Beteiligten tatsächlich zu viel Arbeit haben, wie sie immer sagen.“

„Und? Hast du?“, fragte Bender neugierig. 

„Tja, die Stimmung habe ich aufgenommen. Die ist erstaunlicherweise besser, als ich befürchtet habe. Ich dachte, wenn alle permanent über zu viel Arbeit klagen, dass dann Stress herrschen würde, es auch mal laut würde oder irgendwie sonst miese Stimmung herrschen müsste.“ Er hob verwundert seine Hände. „Nichts davon war der Fall. Alle waren nett, sogar zu mir. Alles lief sehr ruhig ab. Kein Gerenne, keine aufgeheizte Stimmung. Nichts dergleichen. Das hat mich wirklich überrascht.“ 

Bender nickte. Er kannte das vage Gefühl, dass etwas nicht zusammenpasst, das sich nicht greifen lässt. Ruhe und Überlastung. „Und“, fragte er, „hast du ein System entdeckt?“

Ganz blickte an die Decke. „Nein. Ein System konnte ich dabei nicht erkennen. Was nicht bedeutet, dass es keines gibt. Es ist wirklich beeindruckend, wie das Stationsgeschehen völlig im Verborgenen abläuft, ausschließlich in den Köpfen der Beteiligten.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Die Station wirkt wie von Geisterhand gesteuert. Es muss einen Geist geben, der sich dieser Aufgabe höchstpersönlich annimmt. Der irgendwie alles ineinander verschränkt, sodass irgendetwas Vernünftiges dabei rauskommt.“ Ganz schob sich langsam mit beiden Armen vom Stuhl hoch und saß jetzt mehr oder weniger aufrecht. Er grinste schief. „Das ist wirklich das einzige sich völlig selbst steuernde und komplexe System, das ich jemals gesehen habe.“

Bender sah ihn an und nickte erneut: „Genau den Eindruck habe ich auch. Alles läuft irgendwie, ohne dass man genau wüsste, warum und wieso. Es ist schmerzhaft, das zu sehen, und macht ganz schön müde, oder?“ Er warf Ganz einen gespielt ernsten Blick zu. 

„Genau.“ Ganz ignorierte seinen Sarkasmus. „Meines Erachtens sagt das viel über den aktuellen Organisationsgrad des Bereiches aus. Ordnung kann man mit den Augen sehen, wenn sie existiert. Auf dieser Station aber herrscht im wohlmeinendsten Sinne das blanke Chaos. Und wie es aussieht, funktioniert es sogar, irgendwie. Das Problem ist, dass ich nicht erkennen konnte, ob die Beteiligten wirklich unter zu viel Arbeit leiden. Ist auch fast egal.“ Ganz drehte sich zu Luise um, die nach wie vor schweigend das Gespräch verfolgte. „Meines Erachtens“, sagte er, „besteht diese Arbeit aus allem Möglichen, nur nicht aus wertschöpfender Tätigkeit. So viel kann ich jetzt schon sagen.“

„Harte Worte“, kommentierte Bender seine Litanei.

Ganz blickte ihn lethargisch an. „Das Schönste sind die Geschichten. Die zum Beispiel: Eine Pflegekraft hat mir wortstark von ihren so unglaublich anstrengenden Arbeitstagen berichtet. Sie gehe mittlerweile auf dem Zahnfleisch, hat sie mir versichert. Als ich ihr meinen Eindruck geschildert habe, nämlich dass ich keinen Lärm, keinen Ärger und keine Hektik festgestellt habe und dass dies in völligem Gegensatz zu ihrer Aussage stünde, was meinst du, hat sie mir geantwortet?“

„Keine Ahnung. Was?“ 

„Dass diese Überlastung in ihrem Kopf passieren würde und ich sie deshalb ja nicht sehen könne.“

Bender lachte und selbst Luise ließ sich zu einem milden Lächeln herab. „Interessante Antwort.“

„Ja, die Antwort war wirklich interessant, weil ich befürchte, dass sie der Wahrheit sehr nahekommt.“ Jetzt stand Ganz auf und Bender überlegte, es ihm nachzutun. Vielleicht wird das Treffen als Stehparty ja munterer, spekulierte er. Er blieb sitzen. Ganz fuhr fort, jetzt deutlich lebendiger. „Die Überlastung passiert im Kopf, weil sie ausschließlich ein Ausdruck des täglichen Chaos ist. Nicht die Arbeitsüberlastung, wie wir sie verstehen, bereitet ihr Kopfschmerzen. Es ist das Chaos, das dort produziert wird und das alles überlagert.“ Er formte mit seinen Armen und Händen ein alles überlagerndes Dach. „Ich kann euch sagen, dass es mir ebenso ging. Eine Stunde auf dieser Station und ich war fertig mit den Nerven. Ich habe mich sogar nach meiner alten Werkshalle mit den stummen Robotern zurückgesehnt. Und das will etwas heißen.“

„Verstehe“, erwiderte Bender und erhob sich aus seinem Schreibtischstuhl. Vielleicht nutzte Stehen ja doch etwas. „Was war sonst noch los?“

Ein Lächeln schob sich auf Ganz’ Lippen. „Einmal saß mir gegenüber eine sehr nette Pflegekraft, die mit ihren Patientenakten und dem PC die Kurven für ihre Patienten ausarbeiten wollte. Sie hatte bis zu diesem Zeitpunkt drei ihrer potenziell zwölf Patientenakten von den Ärzten zurückbekommen, die anderen befanden sich noch im Umlauf. Es war bereits nach 11 Uhr am Vormittag. Zu diesem Zeitpunkt saß sie schon mehr als zwei Stunden an diesem Arbeitsplatz.“ Ganz schüttelte sich, als ob er es selbst jetzt nicht glauben konnte. „Jeder, wirklich jeder, der den Raum betrat, hat sie angesprochen, sie etwas gefragt, ihr etwas zu irgendwelchen Patienten erzählt. Es kamen Ärzte, andere Pflegende, irgendwelche Hilfskräfte, der Sozialdienst, sogar ein Paketbote. Irgendwann pflanzte sich eine Diätassistentin vor dem anderen Ende des Tisches auf. Sie hat es wirklich in Windeseile geschafft, sämtliche Leute im Zimmer gleichzeitig zu beschäftigen.“ Ganz ließ seine langen Arme hängen. „Meine arme Pflegende hat sich wirklich die gesamte Zeit redlich bemüht, alle Fragen zu beantworten, Aufträge oder Mitteilungen für andere entgegenzunehmen und Informationen zu verteilen. Eine Zeit lang habe ich angenommen, sie wäre vielleicht eine Art Koordinatorin oder stellvertretende Stationsleitung. Zumindest wirkte es so.“ Er zuckte mit den Schultern. „Erst viel später habe ich registriert, dass sie als ganz normale Pflegekraft einfach nur ihre Kurven ausarbeiten wollte. Ihre ganz normale Arbeit. Unterm Strich hat sie beinahe vier Stunden für etwas benötigt, was eigentlich nur fünfundvierzig bis sechzig Minuten hätte dauern sollen. Das ist Zeitverschwendung pur.“ 

„Klingt nicht gut“, sagte Bender. Er warf Luise einen vielsagenden Blick zu.

Ganz legte eine Kunstpause ein. Dann fuhr er fort. „Was diese Kollegin gemacht hat, war meines Erachtens symptomatisch für das gesamte Geschehen auf der Station. Sie wird beballert mit Informationen, die sie nicht betreffen, und kümmert sich um Vorgänge, die nicht zu ihren Aufgaben gehören. Am Ende ist sie völlig entnervt und ihre Arbeit hat sie nicht geschafft. Um 12:30 Uhr hatte sie gerade einmal vier ihrer zwölf Kurven ausgearbeitet.“ Er legte seine Stirn in Falten und kreuzte seine Arme vor der Brust. „Hilfreich war, dass sie ohnehin nicht viel mehr hätte schaffen können, denn zu diesem Zeitpunkt hatten die Ärzte ihre Visite nicht einmal beendet. Die unerledigten Aufgaben werden dann entweder auf die Spätschicht übertragen, die personell deutlich schlechter besetzt ist, oder die Kolleginnen bleiben länger. Wenn das kein Einzelfall ist, dann dürften eure Überstundenkonten allmählich über die Ufer treten.“ 

Bender sagte nichts. Ganz wusste gar nicht, wie recht er hatte. Er dachte schon mit Grauen an den Jahresabschluss, der ihm erneut eine satte Überstundenrückstellung bescheren würde.

Ganz schüttelte erneut den Kopf, so als müsse er sich das Chaos aus dem Hirn wedeln. Seine langen roten Haare wedelten wild. „Es ist wirklich unglaublich. Jeder sagt jedem alles. Jeder gibt zu allem Auskunft oder nimmt Aufgaben entgegen, die er oder sie dann an Dritte weitergibt. Alles passiert auf Treu und Glauben. Niemand kontrolliert. Ich habe erlebt, dass die Organisation eines Patiententransports für die Entlassung über fünf Mitarbeiter hinweg weitergereicht und dann von einer sechsten Person erledigt wurde. Der Höhepunkt dieser Aktion war dann, als der Assistenzarzt zufällig mitbekam, was vor sich geht. Wie selbstverständlich erklärte er, er habe bereits eine halbe Stunde zuvor mit den Angehörigen der Patientin gesprochen. Es sei längst alles geregelt. Es würde kein Transport benötigt. Alle Worte und die schöne Zeit waren dahin. Schade eigentlich.“ Er schaute Bender missmutig. 

„Ich glaube nicht, dass irgendwer wirklich weiß, was wann von wem erledigt wird oder was tatsächlich fertig ist“, fuhr Ganz mit fester Stimme fort. „Das meiste passiert in den Köpfen der Beteiligten und auf Zuruf. Steht jemand gerade herum, darf jeder ihn um etwas bitten oder ihm einen Auftrag erteilen. Hol mal bitte den Patienten vom Röntgen ab. Kannst du mal bitte zwei Betten besorgen? Ziehst du mal die Spritzen auf? Und so weiter. Neben dem Jeder-darf-jeden-um-etwas-bitten-Prinzip existiert noch ein weiteres unausgesprochenes Gesetz.“ Ganz streckte seinen Rücken durch. Er unterdrückte ein Gähnen. „Das zweite Prinzip heißt Jeder-erledigt-alles-sobald-er-es-sieht. Spätestens mit diesem Prinzip ist das Chaos endgültig perfekt. Alle, wirklich alle behaupten eisern und aus innerster Überzeugung, dass nichts vergessen und alles erledigt wird und dass jeder Bescheid darüber weiß, was zu tun ist. Leider kann es niemand zeigen oder gar beweisen. Eine riesige Blackbox.“ Ganz schüttelte den Kopf. „Wisst ihr, was ich denke?“

„Verrate es uns“, forderte Luise ihn aus dem Off auf.

Ganz drehte seinen Kopf in ihre Richtung. „Das Hauptproblem unserer Leute ist, dass sie Menschen sind. Und Menschen können unter diesen Bedingungen weder effizient noch sicher arbeiten. Es ist unmöglich!“ Die letzten Worte spie er förmlich aus. 

 Bender fühlte mit ihm. Mitleid kämpfte mit seiner Schadenfreude. „Brauchst du eine Pause? Sauerstoff?“ 

„Nein, danke. Allerhöchstens ein Jahr Urlaub.“

„Weichei!“, spottete Luise. „Andere machen das ihr ganzes Leben lang“, fuhr sie ihn unerbittlich an.

Ganz warf ihr einen gespielt gekränkten Blick zu. „Ist mir ein Rätsel, wirklich.“ Er hielt einen kurzen Moment inne. Plötzlich huschte ein Lächeln über seine Augen. „Eine Geschichte noch: Es gab eine Beschwerde aus dem OP. Ein Patient hatte weder saubere Kleidung an noch war ihm ein Zugang gelegt worden. Die klare Vereinbarung lautet, dass die Station Patienten vollständig vorbereitet und in die Schleuse zum OP transportiert. Einen Transportdienst habt ihr ja nicht. Ich habe darum gebeten, mir den entsprechenden Standard zu zeigen, in dem festgelegt ist, was als perfekte OP-Vorbereitung gilt. Was glaubt ihr, wie die übereinstimmende Antwort lautete? Ist wirklich nicht schwer zu erraten.“ Ganz starrte sie erwartungsfroh an.

„Den Standard haben die Ärzte und die Pflegekräfte im Kopf?“, fragte Luise sarkastisch.

„Herzlichen Glückwunsch, junge Dame. Sie haben den ersten Preis gewonnen!“ Er zog eine Grimasse. „Ich habe mir am nächsten Tag die OP-Vorbereitung aller fünf Patienten angesehen, bei drei verschiedenen Krankenschwestern. Ich konnte nur ein sehr vages Muster erkennen. Kontrolliert wurde nicht einmal. Was hätte man auch kontrollieren sollen, wenn es kein einheitliches Vorgehen gibt und nur individuelle Standards gelten? Welche Schlussfolgerungen würdet ihr ziehen, wenn ihr euch wie ich nicht auskennen würdet?“

„Dass hier ziemlich gewaltiger Bockmist passiert?“, riet Luise.

„Genau. Das wäre zwar volkstümlich ausgedrückt, trifft aber den Nagel auf den Kopf. Die OP-Vorbereitung klappt nicht. Die Hälfte aller Patienten wird unzureichend vorbereitet und zu spät im OP abgeliefert. Als Leasingkraft, die nur ein paar Tage auf der Station aushilft, und davon habt ihr ja einige hier herumlaufen, hätte ich keine Chance, mich produktiv zu beteiligen. Ich bräuchte viele Wochen, um herauszufinden, wie diese Station funktioniert. Selbst als Mitarbeiter einer anderen Station im Haus würde ich mich auf der 3 fühlen, als hätte ich gerade den Arbeitgeber gewechselt.“ Ganz ergriff das Glas Wasser, das Bender ihm auf den Schreibtisch gestellt hatte. Er nahm einen großen Schluck. „Ich fasse mal zusammen: Niemand kann mit gutem Gewissen behaupten, dass alle Aufgaben erledigt werden. Meines Erachtens ist nicht einmal sicher, dass irgendwer weiß, was zu tun ist. Es wird auch nicht überprüft, weil niemand sagen könnte, was man überhaupt prüfen sollte. Diese Station ist eine reine Vertrauensorganisation. Würde man noch viel tiefer in die Vorgänge schauen, zum Beispiel wie wird eine Kanüle gelegt, wie wird Blut abgenommen, wie werden Medikamente gestellt oder wie wird Körperpflege durchgeführt, wie gut wird das KIS genutzt, dann würde man vermutlich auf noch mehr Unterschiedlichkeit und noch mehr Ungereimtheiten stoßen. Und auf Mängel. Davon bin ich fest überzeugt. Interessant ist, dass es trotzdem funktioniert.“ Ganz hielt einen Moment inne und starrte Bender an. „Für dieses Chaos bezahlt ihr einen hohen Preis. Einen sehr hohen. Der Aufwand ist exorbitant. Die Belastung für die Mitarbeitenden ebenso. (…)“

Ende der Leseprobe Kapitel 27

Inhaltsverzeichnis

1        Prolog

2        Exekution

3        Qualität ist grün – oder rot

4        Die Giftliste

5        Das Vorhaben

6        Musterung

7        Pickart

8        Der Kreidekreis

9        Zweifel und Hoffnung

10      Kein Problem

11      Zahlen und Gefühle

12      Gewalt und Liebe

13      Samstagswahnsinn

14      Der Transport

15      Chefarztängste

16      Personalkatastrophen

17      Schicksalsfrage

18      Irritation

19      Bornholm

20      Ein System schafft seine Kinder

21      Über den Wolken

22      Der Eisdielenbesitzer

23      Verharmlosen und beschwichtigen

24      (Un-)Menschlichkeit

25      Das Gespräch

26      Das tote Baby

27      Chaos

28      Eine kurze Rede zur Nation

29      Fließbandstation

30      Im Spiel bleiben

31      Push it

32      Station im Fluss

33      Mythos Auslastung

34      Glaubenskrieg Regeln

35      Ereignisse

36      Drei Monate später – Konzeptstation

37      Science-Fiction

38      Rollenspiele

39      Total digital

40      Pull it!

41      Teamboarding

42      Partnerschaften

43      Gute Hoffnung

44      Literatur, die sich lohnt

45      Über den Autor

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Bearbeitungen sonstiger Art sowie für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Dies gilt auch für die Entnahme von einzelnen Abbildungen und bei auszugsweiser Verwendung von Texten.

copyright 2020 by Jörg Gottschalk

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Ich freue mich über Ihren Kommentar.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.