Unternehmen sind selten besser als ihre Führung

oder wie groß muss die Verzweiflung noch werden?

Führung ist auf der Flucht.
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oder wie groß muss die Verzweiflung noch werden

Unternehmen sind selten besser als ihre Führung – der Podcast

Es gibt Krankenhausorganisationen, in denen steckt der kulturelle Wurm. Seit Jahren geht wenig voran und die wirtschaftliche Situation wird mit jedem Tag heikler. Alles und alle sind ineinander verhakt. Jede Ausfahrt des Kreisverkehrs scheint endgültig gesperrt. Wenn man dann meint, alles versucht zu haben, fragt man sich irgendwann, wie groß die Verzweiflung der verantwortlichen Führungskräfte eigentlich erst werden muss, damit sie endlich über ihren Schatten springen und endlich ihrer Verantwortung nachkommen. Über ein solches Erlebnis möchte ich hier berichten.

Die Situation

In meiner Rolle als externer Begleiter erlebe ich Situationen die ich mir niemals selbst ausdenken könnte. Ich habe mir vorgenommen, öfter über solche Ereignisse zu berichten in der Hoffnung, dass das Thema Agilität und Führung an mit Leben gefüllt wird. Natürlich verfälsche ich die Ereignisse bis zur Unkenntlichkeit und berichte mit einigem zeitlichem Versatz. Schließlich soll sich niemand ertappt fühlen.

Nun, es gibt sie, diese Krankenhausorganisationen, in denen steckt der kulturelle Wurm. Seit Jahren geht wenig voran, die Situation wird auch finanziell immer heikler. Und obwohl es viele Menschen gibt, die die richtigen Ideen und Strategien verfolgen und hochengagiert sind, passiert das, was leider so oft passiert: wenig. Der Problemberg wächst jeden Tag schneller, als er abgetragen werden kann. 

An diesem Tag und in dieser Organisation schien es so. Jede Ausfahrt des Kreisverkehrs schien endgültig gesperrt zu sein. Irgendwann verlässt jeden einmal die Fantasie, wie es weiter gehen könnte.

Alles und alle sind ineinander verhakt. Die Pflege tritt einen Streit nach dem anderen mit der Ärzteschaft vom Zaun. Und auch ungekehrt. Aber seltener, weil die Ärzte die Pflege hier ohnehin nicht für voll zu nehmen schienen. Ich habe noch niemals derart starke Standesdünkel erlebt.  

Alle gemeinsam beschweren sich über die Klinikleitung, weil die konsequent etwas ganz anderes will als alle anderen. In großer Einmütigkeit schimpfen allen Gruppen auf die Konzerndienstleister, die ohnehin machen, was sie wollen, nur eben nie das Richtige. Die Ärzteschaft selbst zeigt wechselseitig mit dem Finger aufeinander. Und der Betriebsrat keilt gerade wieder einmal in alle Richtungen und blockiert auch noch die letzten Rest. Ein Shutdown der anderen Art.

Die Konsequenz: Stillstand, bestenfalls. Die inneren Folgen: Ärger, Frust, innerer Rückzug, noch mehr Abgrenzung. Und: immer mehr verzweifelter Druck von oben, mehr Ziele, mehr Kennzahlen, noch mehr Appelle, mehr Rechtsfertigungsdokumentationen und wieder neue Führungs- bzw. Controllinggespräche.

All das über Jahre eskaliert und ausgerechnet in einer Unternehmenssituation, die stetig bedrohlicher wird und jetzt, während oder nach Corona, noch unberechenbarer zu werden scheint.

Zu gleicher Zeit bietet der Konzern seine ehrlich gemeinte Unterstützung und neue, durchaus vielversprechende Methoden an. Diese finden bereits an einigen wenigen Stellen im Unternehmen Akzeptanz, sie zeigen Wirkung sind damit immerhin kleine Vorbilder des Funktionierens Trotzdem: es gibt über Monate kein Durchkommen.

Meine Gedanken

An dieser Stelle frage ich mich dann im Stillen, wie groß eigentlich muss die Verzweiflung der Beteiligten erst werden, damit etwas vermeintlich ganz Simples und eigentlich doch Selbstverständliches passiert. Möchte man meinen.

Nämlich, dass die Führungskräfte dazu bereits sind, etwas Neues auszuprobieren. Ohne Vorbehalte, ohne Angst und mit dem festen Willen, das Neue zum Erfolg zu bringen. Und nicht nur um zu beweisen, dass alles Mist ist. Natürlich ist jede Methode nur eine von vielen möglichen und auch nur eine Basis, denn im Grunde geht es um Haltungen, Verhaltensweisen, um Kommunikation und Wahrnehmung von Verantwortung. 

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Vielleicht werden Sie sich denken können, was mir so alles an Gedanken durch den Kopf schwirrte. Ein paar Gedanken möchte ich mit Ihnen teilen. Eines vorab: wir reden immerhin über Führung. Da darf und muss man ja mal etwas deutlicher werden dürfen.

Was ich gedacht und im Laufe der Gespräche auch kommuniziert habe, war vor allem folgendes. Dass die Konzernführung fast alles getan hat, was denkbar war. Sie hat sogar durchaus gute Beispiele geschaffen. Jetzt ist es eindeutig an den Führungskräften, der Klinikleitung, den Chefärzten und den Pflegeleitungen zu entscheiden, ob sie das Unternehmen zum Erfolg führen möchten oder nicht. Es ist an ihnen zu entscheiden, ob sie die Verantwortung für ihr Unternehmen und für ihren Verantwortungsbereich wirklich übernehmen und endlich etwas Neues ausprobieren wollen. Sie müssen sagen, wenn sie noch etwas brauchen. 

Denn erstens steht ihnen das Wasser bis zum Hals und es steigt kontinuierlich an. Die Konzernleitung hat ihr Unternehmen auf einer Skala von 0 (prima Lage) bis 10 (absehbare pleite) bei 9 angesiedelt! Spätestens jetzt müsste das Diskutieren und Lamentieren doch endlich aufhören. Zweitens müssten doch alle nur zu gut wissen, dass sie nicht die immer gleichen Probleme auf den immer gleichen Wegen lösen können. Sie laufen jedes Mal wieder vor die gleichen Wände und holen sich dabei immer neue Blessuren. Wenn sie immer das gleiche tun, werden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch immer das gleiche Ergebnis erzielen. 

Das einzige, das die Beteiligten aus diesem Dilemma heute befreien kann ist, dass sie endlich über ihren Schatten springen und es einmal auf einem anderen Weg versuchen. Mehr muss man heute nicht verlangen und kann man vielleicht nicht einmal erwarten.

Der Unterschied zwischen guten und schlechten Krankenhäusern, oder zwischen erfolgreichen und nicht erfolgreichen besteht wirklich nicht darin, dass der eine über die ganz großen, alles lösenden Geheimnisse verfügt. Alle haben die gleichen Themen, ähnliche Strategien und oft sogar identische Maßnahmen. 

Nein, der Unterschied besteht darin, mit welcher Kompetenz und vor allem Konsequenz von der Führung Veränderung gewollt ist, betrieben wird und, vielleicht ist gerade das aktuell der ausschlaggebende Punkt, ob sie ihre Methoden und Wege verändern. Etwas ausprobieren. Neugierig sind. Offen. Denn das zeichnet eine gute Führungskraft eben auch aus.

Ich habe wirklich gehofft, dass sich zumindest einige von ihnen richtig entscheiden Es wäre ihnen ehrlich zu wünschen, ihren Mitarbeitenden auch, für die sie die Verantwortung tragen. Es wäre ihren Patienten zu wünschen und dem Unternehmen. Diesen Teil der Aufgabe werden weder die Krankenkassen noch die Politik für Sie übernehmen. Das müssen sie selbst tun. Irgendwann, ging mir durch den Kopf, ist das methodische Latein am Ende und es genug appelliert und gecoacht und geredet. Dann muss entschieden und gemacht werden.

Ich verrate Ihnen an dieser Stelle nicht, ob die Diskussion letztlich zu einem erfolgreichen Ende geführt hat. Sie könnten ja an dieser Stelle einmal öffentlich spekulieren.

Es sind aber tatsächlich solche Situationen, im Großen, wie im Kleinen, die am Ende über die Zukunft eines Unternehmens entscheiden können.

Am Ende kann ein Unternehmen doch nicht besser sein als seine Führungskräfte.

Jörg Gottschalk

Berlin im Juni 2020

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Die Geschichte

Felix Bender ist Geschäftsführer des Melbecker Krankenhauses, als der Start-up-Milliardär Björn Meiersiek es übernimmt. Dessen Ziel: den Grundstein für einen Krankenhauskonzern legen, der das Patientenwohl wieder in den Mittelpunkt stellt. Gemeinsam mit der Ärztin Luise Pickart macht er sich daran, das Unternehmen von Grund auf umzukrempeln. Felix Bender taucht ein in eine völlig neue Welt, in der die alten Regeln der Krankenhausführung nicht mehr zu gelten scheinen. Er durchlebt wie im Rausch seinen persönlichen Entwicklungsprozess, während er gemeinsam mit Luise Pickart und dem jungen Lean Manager Steffen Ganz seine Organisation darauf vorbereitet, die eigenen Prozesse und ihre Führung neu zu erfinden.

Krankenhaus Melbeck – Disruption beschreibt Felix Benders Geschichte und dessen Transformation von einem traditionellen Krankenhausgeschäftsführer zu einer Führungskraft neuen Typs. Felix Bender lernt dabei nicht nur neue Methoden und Prinzipien kennen. Er verändert grundlegend seine Haltung gegenüber der eigenen Organisation. Er dringt immer tiefer in eine Welt fester Traditionen, scheinbar unverrückbarer Wahrheiten und tief liegender Widersprüche vor. Gemeinsam mit Luise Pickart und Steffen Ganz macht er sich ans Werk und in kürzester Zeit erschaffen sie mit ihrem Team die Station der Zukunft. Sie müssen dafür mit vielen Prinzipien brechen, die sie und ihre Mitarbeitenden heute noch für allzu selbstverständlich halten.

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copyright 2020 by Jörg Gottschalk

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