Krankenhaus-Wandel: Was würde Greta sehen?

Eine Phantasiereise durch die rote Brille

Dieses Bild ist leider gerade nicht auffindbar.
© AdobeStock 206650793

Man mag zu Greta Thunberg stehen, wie man möchte. Allerdings ist sie die erste, die dem Klimawandel ein Gesicht verleiht. Rationalität (Wissenschaft) verbindet sich mit Mensch (Greta) und wird zum Gefühl für die Masse (wir). Ganz offensichtlich ist es diese Kombination, die uns Menschen hinter unseren Öfen hervorlockt. Der Spiegel-Korrespondent Phillip Oehmke schreibt über dieses Phänomen einen bemerkenswerten Beitrag: „Das Mädchen mit der roten Pille“. Sie sieht die Welt anders, als wir sie sehen. Sie hat die rote Pille geschluckt, nicht die blaue. Dieser beeindruckende Gedanke hat mich nicht losgelassen: Was eigentlich würde passieren, gäbe es eine Greta für das deutsche Krankenhauswesen? Meine Greta heißt Charlotte. Was würde Charlotte sehen?

Eine Anleihe an Phillip Oehmke und die rote Pille

Phillip Oehmke ist seit vier Jahren Spiegel-Korrespondent in New York. In der Ausgabe Nr. 40 vom 28.9.2019 schreibt er einen Beitrag über Greta Thunberg mit dem Titel „Das Mädchen mit der roten Pille“.  Ein wirklich tiefgründiger, äußerst lesenswerter Artikel.

In einer Sequenz versetzt er sie in den Hollywood-Filmklassiker „die Matrix“, in dem der Held Neo sich zwischen einer roten und einer blauen Pille entscheiden muss. Oehmke schreibt: „Die blaue Pille würde es ihm (Neo) erlauben, in seiner bequemen Wohlstandswelt zu bleiben. Die rote Pille würde ihm zeigen, wie die Welt wirklich ist. Greta Thunberg hat die rote Pille genommen“. Oehmke beschreibt sie als die Seherin: „Wo wir uns ins Auto setzen, um in ein Restaurant zu fahren, würde sie das CO2 und das tote Tier auf dem Teller sehen. Wo wir Urlaub machen, würde sie das vergiftete Meer und die steigenden Fluten erkennen.“ Eine rote Pille für die rote Brille.

Was würde ich mit der roten Pille sehen?

Das Bild hat mich fasziniert. Ich habe mich gefragt, was ich wohl sehen würde, hätte ich die rote Pille genommen. Was würde passieren, wenn ich die Gesundheitswelt so sähe, wie sie wirklich ist? Wenn ich alles ausblenden könnte, was sonst durch meine Positivbrille, meine gesellschaftliche Konformität, Bequemlichkeit, Blindheit, meinen Egoismus, meine Lebensfeigheit oder eine scheinbare, allgemeine Alternativlosigkeit verblendet und verformt wird. 

Weil ich mich nur schwer wie Matrix-Neo als den Superhelden Jörg mit außerordentlichen Fähigkeiten für das Rote vorstellen kann, lasse ich besser meine neue, virtuelle Heldin sprechen. Nennen wir sie der guten Ordnung halber nicht Greta, denn die ist unverrückbar unsere Heldin für den Klimawandel. Nennen wir sie lieber Charlotte. Charlotte ist meine Neo-Greta für das Gesundheitswesen.

Was würde Charlotte sehen?

Erscheint im November 2019:

Bildrechte Umschlagbild Tascha / adobe stock 222625433

Stress und Mangel

Dieses Bild ist leider gerade nicht auffindbar.
© AdobeStock 206650793

Wo Politiker, Krankenkassen- oder Krankenhausverantwortliche das große Sparen der letzten fünfzehn Jahre vehement verteidigen, würde Charlotte all die Ärztinnen, Ärzte und Pflegenden sehen, die sich Tag für Tag gehetzt und im Stress zerrieben darum bemühen, ihre Patienten irgendwie noch gut zu behandeln. Sie würde Pflegende nach zwanzig Jahren Schichtdienst bemitleiden, die sich keine Pause mehr gönnen. Sie würde uns schmerzhaft vor Augen führen, wie unattraktiv diese, für unsere Gesellschaft so wichtigen Berufe, mittlerweile geworden sind. Sie würde den Untergang des Pflege- und Arztberufes voraussagen. Ja, sogar den Untergang unserer Gesellschaft. Sie würde radikales Umdenken fordern.

© AdobeStock 142779597

Mexikanische Hilfe

Wo Jens Spahn mexikanische Pflegekräfte für deutsche Krankenhäuser anwirbt, würde sie ganz sicher nicht nur den Fachkräfteklau in Mexiko verteufeln, sondern genauso die eklatanten Sprachschwierigkeiten nicht-deutschsprachiger Ärztinnen und Ärzten oder Pflegenden anprangern, die einen mitfühlenden und wichtigen Dialog mit Patienten und ihren Angehörigen kaum mehr zulassen. Charlotte könnte sehen, wie viele Missverständnisse, Fehler und Mehraufwand aus kommunikativen Unklarheiten entstehen. Und sie würde den Oberarzt der internistischen Abteilung vor ihrem geistigen Auge erkennen, der mehr mit der sprachlichen Korrektur von Dokumenten oder Arztbriefen beschäftigt ist, als mit der persönlichen Behandlung seiner Patientinnen und Patienten oder der Anleitung/Supervision seiner Assistenzärzte.

Charlotte würde herausschreien: „Denkt nach und seht hin! Ihr stopft nur noch die Löcher, die ihr selbst gerissen habt und jeder Stich produziert neue. Macht es endlich richtig!“

Personaluntergrenzen

Dieses Bild ist leider gerade nicht auffindbar.
© AdobeStock 206650793

Die Befürworter der Personaluntergrenzen wollten einmal den Patienten vor mangelhafter Behandlung schützen. Vielleicht wollten sie sogar Mitarbeitende vor der Sparwut einiger Klinikverantwortlichen bewahren. Charlotte dagegen würde etwas anderes sehen. Sie sähe, wie Pflegende im Tagesrhythmus von einer Station zur anderen versetzt werden, um dort die neuen Untergrenzenlöcher zu stopfen. Sie würde mit den Patienten leiden, die während ihres Aufenthaltes mehrmals von einer Station zur anderen verschoben werden, nur weil dort die Untergrenzen mit gerade 2/10 mehr an Personal eingehalten werden. Sie würde Patienten sehen, die viel zu früh von der Intensivstation auf eine periphere Station verlegt werden. Sie würde nicht nur den ungeheuren Aufwand erkennen, der nun zusätzlich betrieben wird, sondern förmlich körperlich unter den Fehlern und Risiken leiden, die solch unsinnige Aktionen unweigerlich nach sich ziehen. Sie würde uns vorwerfen, in einem Wolkenkuckucksheim zu leben und dass wir uns der Realität verweigern. „Irgendwann wird euch der Realitätsschock erreichen. Doch dann wird es bereits zu spät sein.“ 

Dieses Bild ist leider gerade nicht auffindbar.
© AdobeStock 206650793

Immermehr

Wenn Krankenhausverantwortliche ihren wirtschaftlichen Erfolg in die Welt hinausrufen und wieder und wieder Leistungssteigerungen von ihren Mitarbeitenden einfordern, dann sähe Charlotte wartende Patienten in den überfüllten Notaufnahmen, vor den Untersuchungsbereichen oder auf den Stationsfluren. Sie würde mit ernstem Blick die Patienten verfolgen, die um 8.00 Uhr morgens aus ihren Betten verscheucht werden, um dann sechs Stunden in einem unbequemen und gesichtslosen Aufenthaltsraum auf ihren Arztbrief zu warten. Sie würde unsere Nasen auf die Statistiken stoßen, die den Mehraufwand und den Stress für Pflegende unbestreitbar belegen, den eine derartige, dauerhafte Überforderung von Ressourcen nach sich ziehen muss. Sie würde uns fragen: „Erkennt ihr nicht, dass ihr eure Arbeit schlecht macht? Dass ihr eure Ressourcen und Mitarbeitenden überlastet und euch schlecht organisiert? Dass ihr euch alle verhaltet wie die Lemminge, die sich nur durch kollektives „Immermehr“ am Leben erhalten?“

Dieses Bild ist leider gerade nicht auffindbar.
© AdobeStock 206650793

Mediziner denken wirtschaftlich

Krankenhausärztinnen und -ärzte haben endlich gelernt, wirtschaftlich zu denken. Wenn Funktionäre und Krankenhausleitungen wohlwollend das längst überfällige Umdenken von Medizinern förmlich in den Himmel loben, fühlt Charlotte mit den Patienten mit, die unnötige Untersuchungen und Operationen über sich ergehen lassen müssen oder sinnvolle verweigert bekommen. Sie bemerkt die Risiken eines jeden Krankenhausaufenthaltes und die Überlastung der Mitarbeitenden. Sie erspürt die versteckten Gewissenskonflikte, die Ärztinnen und Ärzte jeden Tag zu meistern haben, hin- und hergerissen zwischen einfühlsamer Betroffenheit für ihre Patienten und dem Zwang, ihre Betten und Operationssäle zu füllen. Charlotte würde uns allen entgegenschreien: “How can you dare to violate peoples humanity?”.   

Das langsame Sterben

Dieses Bild ist leider gerade nicht auffindbar.
© AdobeStock 206650793

Wenn Stiftungen öffentlichkeitswirksam die Schließung hunderter, kleiner Krankenhäuser auf dem Land fordern, Länder strukturelle Schließungsentscheidungen allerdings bewusst verweigern und Krankenkassen und die Politik stattdessen Kliniken lieber langsam wirtschaftlich ausbluten lassen, dann würde Charlotte das lange Leiden, die Angst und die Unsicherheit vieler Mitarbeitenden vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze anprangern. Sie wird uns fragen, ob wir erkennen, wie Ratte für Ratte das sinkende Schiff verlässt. Sie wird uns dafür beschimpfen, dass Patienten in wirtschaftlich bedrohten Krankenhäusern schleichend schlechter behandelt werden, weil einfach keine Mitarbeitenden mehr da sind, die sich ausreichend um sie kümmern können. Sie würde auch die alte Frau bedauern, die vier Stunden Busfahrt zu ihrem einzigen Krankenhaus in Kauf nimmt, weil sie keine andere Wahl hat.

Charlotte wird uns entgegenschleudern: „Wollt ihr Verantwortlichen eines der reichsten Industriestaaten der Welt wirklich ein solches Gesundheitswesen? Hört endlich auf damit, unser Geld mit Herdprämien und sonstigem Klientelkram zu verschleudern und konzentriert euch stattdessen auf das, was wir wirklich brauchen: ein funktionierendes Gesundheitssystem für alle. Wir könnten es uns leisten, wenn ihr nur wolltet. Fangt endlich an zu wollen!“

Dieses Bild ist leider gerade nicht auffindbar.
© AdobeStock 206650793

Wer bestimmt die Medizin?

Wenn Krankenkassen unsere Krankenhäuser pauschal als Abrechnungsbetrüger brandmarken und ihr medizinischer Dienst es endlich schafft, auch die letzte Krankenhausrechnung in Grund und Boden zu prüfen, dann wird Charlotte sich zum einen fragen, wer in dieser Bürokratiewelt überhaupt noch die Zeit findet, um Patienten zu behandeln. Und sie wird uns etwas noch viel Wichtigeres fragen: „Wer, so glaubt ihr, bestimmt heute eigentlich, was gute Medizin ist?

Denkt ihr wirklich, dass das eure Ärztinnen und Ärzte in den Krankenhäusern bestimmen? Wenn ihr das glaubt, dann glaubt ihr sicher noch an den Weihnachtsmann und den Osterhasen. Nein, es ist die Politik und es sind die Ärztinnen und Ärzte des MdK. Ihr seid blind. Lernt sehen und gibt den Wissenden die Entscheidungsgewalt über die Medizin zurück!“

Charlottes Schlusswort

Charlotte würde ihre Rede so beenden: „Es ist Zeit, neu zu denken. Es ist Zeit, zu entscheiden. Es ist Zeit, zu handeln. Hört endlich auf mit eurem elenden Pragmatismus, euren unendlichen Diskussionen und eurem provinziellen Kleinklein. Erkennt unsere Realität. Sagt endlich klar, was ihr wirklich wollt und handelt entsprechend. Ich möchte für mich und meine Generation auch in dreißig Jahren noch ein Gesundheitswesen vorfinden, in dem wir uns sicher fühlen, in dem wir exzellent und schnell versorgt werde. Wir möchten niemals Angst vor dem Altwerden haben müssen.“

Dieses Bild ist leider gerade nicht auffindbar.
© AdobeStock 206650793

Mit flehendem Blick würde sie fortfahren:

„Und ich fordere euch auf dafür zu sorgen, dass unsere Helferinnen und Helfer in den Krankenhäusern keinen Tag lang bedauern müssen, dass sie einen so wichtigen Beruf gewählt haben. Macht endlich euren Job. Beraubt uns nicht unserer Gesundheit.“

Autorenbrille blau-rot

Dieses Bild ist leider gerade nicht auffindbar.
© Jörg Gottschalk

Ich höre Charlotte zu und bin mir nicht sicher, was ich denken, was ich von ihr halten soll. Sie kennt kein Blau, kein Weiß. Sie kennt nur Rot. Ich bin mir aber sicher, dass ich einen Moment oder länger innehalten würde. Vielleicht würde ich es einmal mit der roten Pille versuchen. Aus purer Neugierde. Und ich würde die rote Pille in das Weinglas des ein oder anderen Experten oder Politikers schmuggeln. Aus purer Neugierde.

Berlin, 4.10.2019
Jörg Gottschalk

Das schlanke Krankenhaus


Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Bearbeitungen sonstiger Art sowie für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Dies gilt auch für die Entnahme von einzelnen Abbildungen und bei auszugsweiser Verwendung von Texten.

copyright 2019 by Jörg Gottschalk

1 Kommentar

  1. Danke für den Beitrag. Düster, aber stark. Schade, dass es keinen Trojaner gibt um diese Darstellung in die Emails von den Gesundheitspolitikern einzuschmuggeln. An derer vergoldeten Weingläser kommt man weder mit der roten, noch mit der blauen Pille heran.
    Die aktuelle Debatte über „Qualität und Patientensicherheit im Krankenhaus“ geht ebenfalls an den beschriebenen Problemen vorbei. Die ohnehin an die Grenze des Machbaren gebrachten Mediziner werden aufgefordert mehr messbarer Qualität zu liefern. Was die begeisterten Gremien und Patientenverbände aber nicht sehen wollen ist die Tatsache, dass die Ergebnisqualität eine Strukturqualität voraussetzt. Die letzte braucht aber Nachhaltigkeit und Investitionen. Keinem kommt in den Sinn bei der Formel I mit einem „generalüberholten“ Fiat Punto mitzumachen. In der aktuellen Politik scheint es aber DAS ZIEL zu sein.

Ich freue mich über Ihren Kommentar.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.