Wenn Autos Menschen wären

wenn Krankenhäuser Autos bauen

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von Jörg Gottschalk

Wie sähe wohl eine Automobilproduktion aus, wenn sie nach den „Produktionsmethoden“ eines Krankenhauses organisiert würde? Ein kleine humoristische Vorausschau…

Es gilt das gesprochene Wort – die Podcast-Version

Keine Fließbänder mehr

Seitdem Autos mit den Methoden eines Krankenhauses hergestellt werden, gibt es im Werk keine Fließbänder mehr. Sie haben sich als wenig effektiv und effizient herausgestellt. Es gibt jetzt (wieder) Einzel- und Gruppenarbeitsplätze. Hier werden jeweils festgelegte Arbeitsschritte durchlaufen. 

Die Geschwindigkeit und die Qualität der jeweiligen Schritte hängen in Zukunft davon ab, wie viele Mitarbeiter morgens zur Arbeit erscheinen. Und welche Qualifikation und Erfahrung diese mitbringen. Weil kein Schritt vollständig oder identisch erledigt werden kann, dokumentieren die Teams ihre Leistungen sehr umfassend, damit das jeweils nächste Team auf dem aktuellen Zustand des vorausgehenden Schrittes aufbauen kann. Derzeit arbeitet man mit Hochdruck daran, die Qualität und die Vollständigkeit der Dokumentation zu optimieren. Zu diesem Zweck wurde die Werkssprache auf English umgestellt, denn die unterschiedlichen Herkunftssprachen der Mitarbeiter haben in den letzten Monaten verstärkt zu Problemen in der Produktion und natürlich auch der Dokumentation geführt.

Jeder Mitarbeiter soll innerhalb von zwei Jahren das europäische Sprachlevel B1 English erreichen. Bis dahin werden zusätzliche und mehrsprachige Übersetzer eingestellt. Auch arbeitet man an der Standardisierung der Dokumentation, was allerdings derzeit noch auf starke Ablehnung in den Teams stößt. So entstehen Übergabeprotokolle mit einer variierenden Länge, von 2 bis 6 Seiten. Bis sich die Qualität der Dokumentation und das Sprachniveau verbessert hat, wird jedes Team zu einer 30-minütigen Übergabe unter Anwesenheit mehrsprachiger Übersetzer verpflichtet: jeweils am Anfang und am Ende einer Schicht.

Soweit Arbeiten bei der Übergabe nicht erledigt sind, übernehmen die nachfolgenden Teams diese Aufgabe, soweit es ihre Besetzung und Qualifikation erlauben.

Flexibles Produktionssystem

Mehrmals am Tag kommt es vor, dass die Schicht- und Produktionsleiter Änderungen an der Konstruktion vornehmen. Das ist heute möglich, weil die Teams in der Lage sind, jederzeit sämtliche Sonderwünsche und Änderungen im Produktionsprozess zu berücksichtigen und auszuführen. Die  Variantenvielfalt der produzierten Autos nimmt auf diese Weise erfreulicherweise erheblich zu. Der Kunde ist daran gewöhnt, das zu nehmen, was er bekommt. Er liebt diese Form der Überraschung und die persönliche Einzigartigkeit seines Autos. Das individuelle und personalisierte Auto wird zum Markenzeichen der Hersteller.

Anfangs kann es etwas ungewohnt sein, doch der Kunde lernt schnell: wo ist der Blinkerhebel, wo die Schaltung, wo das Radio, wo der Lichtschalter, wie sind Gas-, Brems- und Kupplungsschalter angeordnet? Der Mensch lernt schnell.

Individualität schafft Zufriedenheit

Weil es in der Produktion aufgrund der hohen Variabilität der Modelle und Vorgehensweise keine Leistungsbeschreibungen oder Arbeitsrichtlinien mehr gibt bzw. sie nicht eingehalten werden können, ist jeder Montagemitarbeiter heute dazu in der Lage, sein persönliches Wissen und seine Kreativität voll einzubringen. Er darf seine Aufgaben so erledigen, wie er denkt, dass es richtig wäre. 

Die heute produzierten Autos verhalten sich auch extrem robust gegen unterschiedliche Herstellungsvarianten. Schrauben können in Zukunft sowohl rechtsherum wie linksherum festgedreht, Armaturenbretter rechts wie links eingebaut werden. Es soll sogar vorgekommen sein, dass ein Motor in den Kofferraum gebaut wurde und das Auto trotzdem funktioniert hat. 

Allerdings müssen die Autohersteller und ihre Kunden deswegen einige Abstriche beim Design akzeptieren. Hier wird jedoch bereits fieberhaft nach weiteren Konstruktionsverbesserungen gesucht, damit die gewünschte Herstellungsflexibilität langfristig die Designqualität nicht negativ beeinflusst. Personalisierung soll nicht zum Designkiller werden, so die Vorgabe der Hersteller.

Der Brexit

Seit dem Vollzug des Brexit werden verstärkt englische Leasingkräfte mit Sondergenehmigungen eingeflogen und im Produktionsprozess eingesetzt. Die Automobilproduktion auf der Insel liegt bekanntlich am Boden. In England wird links gefahren, was die Produktionspraxis auch in deutschen Automobilwerken nachhaltig verändert hat. Armaturenbretter finden sich immer öfter rechts. Ebenso die Pedale. Weil diese Leasingpraxis zunehmen wird, überlegt die Bundesregierung nun, den Rechts- und Linksverkehr in Deutschland zuzulassen und hat zu diesem Zweck die Entwicklung eines umfassenden Steuerungs- und Managementsystems für den Straßenverkehr ausgeschrieben. Es soll eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte der nächsten Legislaturperiode werden. Auch wird in einem zehnjährigen Übergangszeitraum die Polizei auf den Straßen deutlich verstärkt.

Flexible und zentrale Lagerverwaltung

Die neue Art der Produktion lässt nicht zu und es ist auch nicht mehr nötig, den Produktionsprozess exakt vorauszuplanen. Welches Material und Werkzeug was wann und von wem an welchem Arbeitsplatz benötigt wird und welche Arbeitsschritte in welcher Reihenfolge zu erledigen sind, bleibt den Mitarbeitern überlassen. Deshalb werden das Material und die Werkzeuge wieder zentral oder an den Stellen gelagert, wo es am wahrscheinlichsten benötigt wird. Um die Lager- und Transportkosten zu senken, werden die Werke jetzt nur noch einmal wöchentlich beliefert.

Einarbeitung

Die Mitarbeiter verfügen heute über die Erfahrung, mit dem Material auszukommen, das sie vorfinden. Sie wissen, wo sie etwas finden können und welche Arbeitsschritte sie für wichtig erachten. Lediglich neue Mitarbeiter haben in den ersten Wochen ein Problem, weil sie über diese Erfahrung nicht verfügen. Die Erfahrung zeigt, dass sie sich jedoch innerhalb weniger Wochen an diese Form der Organisation gewöhnen. Die damit einhergehende Selbständigkeit und Flexibilität motiviert sie enorm dazu, stetig persönliche Höchstleistungen zu erbringen. Dafür bleiben sie auch gerne einmal länger.

Mitarbeiter werden nicht mehr strukturiert eingewiesen, denn das würde sie in ihrem persönlichen Freiheitsraum unnötig begrenzen und ihre Motivation zerstören. Sie sollen maximale Flexibilität lernen. Außerdem wüsste niemand, wie eine derartige Einweisung, angesichts der Vielfalt der Arbeitsvarianten, aussehen könnte.

Längere Ansparzeit

Für den Kunden hat diese Art der Produktion einen äußerst positiven Effekt: die Lieferzeiten sind in den vergangenen Jahren um 300 Prozent von durchschnittlich 2 auf 6 Monate angestiegen, weshalb jetzt mehr Zeit zur Verfügung steht, um auf sein schönes, neus Auto zu sparen. Das ist auch dringend nötig, denn die  Verkaufspreise haben sich innerhalb von drei Jahren um 30 Prozent erhöht, Tendenz steigend.

Reparaturservice

Der Kunde kann sich sicher sein, dass sein Auto tatsächlich fahren wird. Das ist eine gute Nachricht. Die Vorfreude auf sein neues Fahrzeug steigt ins Unermessliche, denn er erhält ein maximal individuelles Produkt. Man könnte sogar sagen, dass kein Auto jemals mehr identisch hergestellt wird. Straßen voller personalisierter Unikate.

Allerdings ist nicht mehr genau vorauszusehen, ob sein Fahrzeug 100.000 oder 300.000 Kilometer ohne gravierende Reparaturen überstehen wird. Das muss den glücklichen Eigentümer allerdings nicht bekümmern, denn der Herstellerservice hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Die Anzahl der Reparaturwerkstätten wurde um mehr als 350 Prozent erhöht. Die Reparaturkosten übernimmt bis zu einer Laufleistung von 280.000 Kilometer ein eigens dafür eingerichteter Autoreparaturstrukturfond, den die Bundesregierung aufgelegt hat. In diesen Fond zahlen alle Führerscheinbesitzer und Hersteller ein. Nur Politiker, Beamte und Bayern sind von dieser Regelung ausgenommen. Für sie wird derzeit nach tragfähigen Alternativen gesucht. Es wird darüber nachgedacht, für sie nur noch den Besitz japanischer Autos zuzulassen.

In diesem Sinne freuen wir uns auf die Zukunft des Automobilbaus – ob mit oder ohne Elektromobilität.

Berlin, 20.3.2019

  

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Ihr Jörg Gottschalk

Berlin, 20 .3.2019




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