„Stationsarbeit ist die Hölle“

Wie sich Zukunft erfolgreich verhindern lässt

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Landauf, landab klagen Krankenhäuser über den Mangel an Pflegekräften. Dabei gibt es sie durchaus, nur eben nicht bei uns. Guter Rat ist teuer und die Zeit der Personalspezialisten gekommen. Ihre Wahrheiten lauten: Personalanzeigen online, Kita für die Angestelltensprösslinge und vor allem anderen: wirklich wertschätzende Chefs. Derart gut gemeinte Ratschläge gehen haarscharf an der Wirklichkeit von Mitarbeitenden vorbei. Die wollen nämlich etwas anderes: gut und gerne ihre Jobs machen, pünktlich kommen und gehen, zufriedene Patienten, planbare Freizeit. Pflegende leiden nicht unbedingt unter zu viel Arbeit, sondern an zu viel Chaos. Wer das Chaos reduziert, schafft nicht nur mehr Qualität und Effizienz. Die oder der betreibt die beste Personalbindung, die es gibt.

Die Hörversion: „Stationsarbeit ist die Hölle“

Hölle Station

Setzen Sie sich einmal einige Tage auf eine Station und schauen und hören Sie aufmerksam hin. Es spricht niemand über Kitas und selten von Wertschätzung. Stattdessen stöhnen vor allem Pflegende über das tägliche Chaos, die scheinbare Unzuverlässigkeit von Ärzten, über ungeplante, aber immer äußerst dringende Patiententransporte. Sie beklagen den Lärm, überbordende Dokumentationen. Sie belastet die häufig unzuverlässigen Arbeitszeiten und die ständigen, dafür spontanen Extraschichten. Selten klagen sie über ihre vergleichsweise geringe Bezahlung. Ein permanentes Schmerzensgeld würde die Attraktivität ihrer aktuellen Arbeitsplätze vermutlich nicht spürbar steigern, zumindest nicht auf Dauer. 

Stationsarbeit kann die Hölle sein. Als ob das Leben im Schichtdienst nicht schon belastend genug wäre. Wenn in einer solchen Gemengelage die Krankheitsquote steigt, mit ihr die Belastung, die Unzuverlässigkeit und die Fehler, dann gerät eine Organisation in eine fulminante Abwärtsspirale. Und mit ihr die Mitarbeitenden. Und die Qualität ihrer Arbeit.

Pflegejobs sind nicht mehr attraktiv, weil die Bedingungen für ihre Arbeit im Krankenhaus nicht mehr stimmen. Und das liegt nicht alleine daran, dass sie zu viel Arbeit zu bewältigen haben.

Wir haben nicht zu viel Arbeit, sondern zu viel Chaos

Eine typische Station gibt Mitarbeitenden wenig Struktur, an die sie sich halten könnten. Es gibt unendliche Wege, ständiges Nachfragen, permanente adhoc-Aktionen, und alles ist stets besonders wichtig. Jeder erzählt jedem alles und jeder fragt jeden, auch wenn man nicht zuständig ist. Jeder nimmt Aufträge oder Anrufe entgegen und verteilt sie fleißig weiter. Selten kann jemand darüber Auskunft geben, was fertig ist, was nicht. Manchmal ist nicht einmal heraus zu bekommen, was noch zu tun ist. Stationsorganisation wirkt oft wie ein organisatorischer Kettenbrief ohne erkennbares System.

Alle verlassen sich auf die Pflege, egal was andernorts schief läuft. Erstaunlicherweise scheint dabei nicht einmal entscheidend zu sein, wenn ein oder zwei Mitarbeiter weniger anwesend sind, als es der Plan vorsieht. Stationsarbeit funktioniert immer, irgendwie. Was nicht klappt oder nicht erledigt wird, ist selten zu erkennen.

Selbstverständlich gibt es strukturiertere und weniger strukturierte Stationen. Doch mehr als vierzig Stationen, die mir in den letzten beiden Jahren begegnet sind, funktionieren nach diesem immer gleichen Grundprinzip. Von organisatorischen Feinheiten, wie der Optimierung von Aufgaben, will ich an dieser Stelle gar nicht sprechen.

Ich halte es für ein Wunder, dass dieses Prinzip überhaupt funktioniert. Es ist nur dem unbändigen Einsatzwillen, der Flexibilität und Leidensfähigkeit der Kolleginnen und Kollegen zu verdanken. In der heutigen Zeit tragen Mitarbeitende ihre Organisation. Das ist anstrengend bis unmöglich.

In einer guten und effizienten Organisation trägt die Organisation ihre Mitarbeitenden.

Ich übertreibe

Mancher wird mir angesichts dieser Darstellung vorwerfen, dass ich übertreibe. Das mag sein. Sehr viele Mitarbeitende empfinden jedoch ihre Situation genauso. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob die Arbeit auf einer Station objektiv stressig ist oder sie lediglich so empfunden wird. Stress ist Stress.

Wer das Stationsleben sorgfältig beobachtet wird außerdem einen erstaunlichen Widerspruch erkennen. Selten eilen Mitarbeitende hektisch durch die Gänge oder es herrscht kommunikative Aufregung. Das müsste man doch annehmen, wenn sich jeder über ein Übermaß an Arbeit beklagt und seine Arbeit nicht schafft. Das Gegenteil ist aber der Fall. Eigentlich läuft alles äußerst gelassen ab. Und dennoch empfinden die Akteure einen kaum zu ertragenden Stress.

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(Beitragsbild: © Juanjo / fotalia.com)

Die einzig mögliche Schlussfolgerung für dieses Phänomen besteht für mich darin, dass nicht die Art oder die Menge der Arbeit den Stress auslöst. Die lässt sich im Übrigen heute kaum feststellen. Es ist das alles beherrschende, organisatorische und kommunikative Chaos. Der Lärm, die Unzuverlässigkeit, die ständige Improvisation. Der kontinuierlich hohe Aufmerksamkeitsgrad.

In einer derartigen Organisation zu arbeiten, bedeutet für viele die Hölle. Vor allem Pflegende leiden darunter, denn sie können sich dem Chaos noch weniger entziehen, als es Ärztinnen und Ärzte können.

Die meisten Stationen benötigen überhaupt nicht mehr Mitarbeitende, sondern mehr Struktur und Ordnung. Sie benötigen auch keine Casemanager oder andere (zusätzliche) administrative Unterstützer, die das Chaos genialer managen. Stattdessen müssen wir das Chaos reduzieren.

Eine Station braucht Struktur, Steuerung und KVP

In den letzten Jahren habe ich mich viel mit der Einführung von Lean Management / Teamboarding beschäftigt. Es ging darum, kontinuierliche Verbesserung fest in einer Krankenhausorganisation zu verankern. Ich stehe zu dieser wirklich wunderbaren Methode, weil sie hierarchische und Berufsgruppengrenzen sprengt und den Fokus aller Beteiligten auf  die kontinuierliche Verbesserung der eigenen Organisation konzentriert. 

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© Jörg Gottschalk

Doch auch diese Methode stößt an ihre Grenzen: im Chaos lässt sich kontinuierliche Verbesserung schwer verankern oder reduziert sich auf offen sichtbare Schwachstellen, beziehungsweise empfundene Probleme. Oft geht es um Symptombekämpfung. Immerhin. Die Methode könnte deutlich mehr leisten.

Dafür müssen wir allerdings die Voraussetzungen schaffen. Eine Station benötigt eine klare, berufsgruppenübergreifende Tagesstruktur, klare Rollen mit festen Aufgaben, eine zentrale Auftragssteuerung, gezielte Kommunikationswege, verbindliche Regeln (die eingehalten werden), Transparenz, gelebte Kontrollpunkte und organisatorische Maßstäbe für „gut“ oder „schlecht“. 

Das schlanke Krankenhaus

Mit anderen Worten: jeder weiß, was er wann, wie und womit zu erledigen hat. Alle arbeiten kontinuierlich daran, dass organisatorische Eckpunkte (Kontrollpunkte) stets eingehalten bzw. immer besser eingehalten werden. 

Die Organisation soll ihre Mitarbeitenden tragen, und nicht umgekehrt. Sie soll ihnen helfen, ihre Arbeit besser und angenehmer zu machen. Es sollen nicht permanent die Grenzen der Physik und der Mathematik überschritten werden. Nicht Improvisation dominiert, sondern Struktur.

Es ist nicht so schwer, wie man denkt

Strukturiertes, transparentes Arbeiten funktioniert auch in einem Krankenhaus. Methodisch ist es nicht einmal besonders anspruchsvoll. Eigentlich müssen wir es lediglich wollen, es angehen und damit Schluss machen, sämtliche Grundprinzipien einer guten Prozessorganisation zu missachten. 

Nicht zu vergessen: Führung muss durchhalten, denn es wird sie viel Geduld kosten: kulturorganisatorische Gewohnheiten lassen sich nur Schritt für Schritt verändern. 

Wenn wir Mitarbeitende in unseren Organisationen halten oder neue gewinnen wollen, müssen keine Kitas bauen. Chefs müssen auch nicht ständig ganz doll wertschätzend durch die Gegend laufen. Stattdessen sollten wir das tun, was eigentlich ohnehin unsere Aufgabe ist: eine strukturierte, verlässliche und qualitäts- und zufriedenheitsfördernde Organisation bauen. In einer solchen Organisation lässt sich auch kontinuierlich verbessern und über Geld müssen wir auch nicht mehr so oft sprechen. 

Berlin, 24.6.2019
Jörg Gottschalk

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© Jörg Gottschalk

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copyright 2019 by Jörg Gottschalk

3 Kommentare

  1. Wenn es immer so einfach wäre. Eine Station als „Hölle“ zu bezeichnen, ist keine Übertreibung sondern Unsinn. Sie unterstellen den Verantwortlichen pauschal Unvermögen in der Organisation. In Zeiten des Personalmangel ist es gerade die Art und Menge der Arbeit die häufig zur Überbelastung führt. In gesunden und förderlichen Organisationen wird vom Management verantwortlich reagiert und gegengesteuert. Und natürlich ist heute eine strategische Personalentwicklung unverzichtbar, die darauf drängt das in Unternehmen Kitas und eine Kinderbetreuung angeboten werden.

    • Guten Abend Herr Stockinger, vielen Dank für Ihren Kommentar. Ihre Meinung repräsentiert die vorherrschende Auffassung und Sichtweise. Das ist mir wohl bewusst. Ich sehe allerdings etwas anderes: nämlich das, was ich beschrieben habe. Die Gefahr einer vorherrschenden Meinung, ob falsch oder richtig, besteht meines Erachtens darin, dass sie verhindert, sich auf die Potenziale zu stürzen, die tatsächlich helfen. Strategische Planungen, Kitas, wertschätzende Chefs, das Feststellen von zuviel Arbeit und all das, was man halt so tut, sind durchaus wichtige Komponenten. Tatsächlich lösen Sie kaum das wirkliche Problem. Ich sehe mich ständig bestätigt durch diejenigen, die es betrifft. Mir gibt das jedenfalls Hoffnung, denn an diesen Themen kann man wirklich auch kurzfristig arbeiten: morgen. Vielleicht wird es irgendwann wieder leichter, Mitarbeiter zu gewinnen. Bis dahin halte ich es für sehr wichtig, die zu halten, die wir schon haben. Beste Grüße Jörg Gottschalk

      • Gilt auch fuer kulturelle Probleme in der Ehe.Und auch fehlende Disziplienierung in Schule, Kindergarten, Oeffentlichkeit auch gegenueber Kontrollpersonen wie Lehrer, Bademeister, Lokfuehrer, Polizei…fuehrte ueberall zu immer mehr Chaos

Ich freue mich über Ihren Kommentar.

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