Chefarzt Asterix und VD Obelix zur Digitalisierung

Wie sich Zukunft erfolgreich verhindern lässt

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Die digitale Welt erobert mit Siebenmeilenstiefeln die Gesundheitsbranche. Alles wird schöner und digitaler – die Welt wird besser. Daran besteht kein Zweifel. Doch ein kleines gallisches Dorf mit Namen Krankenhausen widersetzt sich seit vielen Jahren erfolgreich dieser machtvollen Entwicklung. In einer ihrer seltenen Pressekonferenzen erklären Chefarzt Asterix und Verwaltungsdirektor Obelix ihre erfolgreiche Abwehrstrategie.

Die Pressekonferenz

Verwaltungsdirektor Obelix macht den Anfang: „Unsere Strategie ist einfach: Wir überhäufen unsere Mitarbeiter einfach mit Arbeit, verknappen Ressourcen bis es quietscht. Unsere Leute haben weder Zeit noch Lust, Neues zu lernen. Die Bewältigung des Alltags nimmt ihre gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch. Wir schaffen außerdem keinerlei zentrale Kapazitäten, die unsere Leute in den medizinischen Bereichen bei der Entwicklung wirksamer Instrumente und deren Einführung erfolgreich unterstützen könnten. Wichtig ist außerdem die Förderung von Individualität. Je individueller und unterschiedlicher unsere Organisation funktioniert, umso mehr Aufwand bedeutet die Einführung digitaler Funktionen. Die Folge ist, dass es äußerst unwahrscheinlich wird, dass Digitalisierung überhaupt stattfindet. Zur Sicherheit stellen wir nur so viele IT-Spezialisten ein, dass die bestehende Infrastruktur gerade so noch aufrecht erhalten werden kann. Außerdem bezahlen wir sie so schlecht, dass wir kaum mehrgute Leute finden würden, selbst wenn wir mehr Leute einstellen wollten. Und, wenn wir überhaupt einmal Geld für Investitionen zur Verfügung haben, dann bauen wir schnell neue Gebäude. Steine unterliegen bekanntlich nicht dem schnellen Wandel und das Geld ist weg. Wenn wir jetzt noch mit IT-Dienstleistern kooperieren, die möglichst komplizierte Software schreiben und ebenfalls wenig unterstützende Ressourcen bereitstellen können, dann ist unsere Abwehrstrategie kaum mehr zu überwinden. Diese Abwehrstrategie ist im übrigen die einzige Strategie, die wir jemals vollständig und konsequent umgesetzt haben. Darauf sind wir sehr stolz!“

Verwaltungsdirektor Obelix sieht zufrieden in die Gesichter der Pressemeute. Chefarzt Asterix ergänzt, ausnahmsweise einmal zufrieden mit dem Auftritt seines Verwaltungsdirektors und in seltener Einigkeit. „Gesundheitsminister Spahn ist es erfolgreich gelungen, tausende digitale Flieger in den blauen Himmel zu starten. Das ist toll. Das hat bislang niemand geschafft. Doch bei aller Bewunderung unsererseits: Jede gute Idee benötigt eine Landebahn im Unternehmen. Unser Dorf wird keine Landebahn bauen.“

Romulus, der führende Vertreter des römischen Satiremagazins Calligula fragt nach: „Warum wehrt ihr euch gegen eine Entwicklung, die auf Dauer niemand aufhalten kann? Sie wird kommen, ob ihr wollt oder nicht.“

Obelix nickt und antwortet: „Auch wir sind nicht grundsätzlich gegen die Digitalisierung. Im Gegenteil. Wenn aber die Politik und die Krankenkassen all diese Digitalisierungsflieger aus der Luft zurück zum Boden bringen möchten, dann akzeptieren wir auf keinen Fall, dass sie unser Dorf vorher bis an die Grenzen unserer Möglichkeiten treiben und weit darüber hinaus. Gerade Politik darf sich nicht aus ihrer finanziellen Verantwortung stehlen. Wenn sich hier etwas ändert, werden wir angemessen darauf reagieren.”

Der ebenso nervige, wie eloquente Romulus setzt investigativ nach: „Lenkt ihr damit nicht wieder einmal von eurem eigenen Versagen ab? Ist es nicht zu wenig, stets auf Politik und Krankenkassen zu verweisen? Wäre es nicht besser, mit dem Strom zu schwimmen?“

Asterix schaut ihn mitleidig erstaunt an: „Genau das tun wir doch. Wir schwimmen mit dem Strom: Wir warten ab. Wie fast alle anderen auch Was sollten wir auch anderes tun?“

„Euer Dorf auf die Zukunft vorbereiten?“ , schlägt ein Reporter aus der achten Reihe vor.

„Und wie, wenn man weder genug Zeit noch Geld hat? , erwidert Obelix, während er zunehmend ungehaltener am Verschluss seiner Zaubertrankflasche nestelt.

„Es ist zwar nicht unsere Aufgabe als Journalisten, euch Nachhilfeunterricht zu erteilen. Wir sind aber nicht nur Journalisten, sondern vor allem Römer. Es gibt längst erfolgreiche Strategien gegen euren Stillstand. Ihr könntet damit beginnen, eure Krankenhausorganisation zu verschlanken. Sie zu verändern. Agiler zu machen. So würdet ihr  Zeit und Geld erschaffen, die oder das ihr dann in eure Zukunft investieren könnt. Ihr könntet weniger in Steine, dafür mehr in Menschen und Digitalisierung investieren. Ihr könntet einfach einmal radikal aus euren gewohnten Denkmustern ausbrechen und es so halten, wie wir Römer es der Welt längst vormachen. Wären wir Römer derart zögerlich gewesen und hätten bei allem stets auf den Kaiser gewartet, gäbe es bis heute weder Wasserleitungen noch Straßen.“

Verhaltener Beifall brandet auf. Der Kaiser ist bekanntermaßen nicht sonderlich beliebt.

Asterix und Obelix sehen sich an. Chefarzt Asterix ergreift das Wort: „Liebe Römerinnen und Römer. Ihr könnt sicher sein, dass wir die Entwicklung genau beobachten werden. Es gibt das eine oder andere Dorf in unserer Umgebung, dass sich scheinbar sehr innovativ verhält. Römisch, wahrscheinlich. Wir werden sehr genau beobachten, ob deren Strategie erfolgreich ist. Wenn ja, dann werden wir diese Strategie perfekt und noch perfekter kopieren. So waren wir in der Vergangenheit ziemlich erfolgreich, wenn auch manchmal etwas spät dran. Was uns nie wirklich geschadet hat, solange wir nicht die letzten waren. Jetzt tut es uns sehr leid. Wir müssen diese gemütliche Runde nun beenden. Unsere Patienten warten. Wir wünschen euch einen schönen römischen Tag.“ 

Asterix und Oberlix verlassen zufrieden den Saal und fühlen sich einmal mehr in ihrer Überzeugung bestätigt, dass Römer echte Klugscheißer sind. Es immer schon waren. Vielleicht wird das römische Reich deshalb bald untergehen.



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copyright 2019 by Jörg Gottschalk

2 Kommentare

  1. Eine interessante und spannende Analogie.
    Da Sie mit diesen Themen schon lange unterwegs sind, wissen Sie ganz genau worum es geht. Fühlen Sie sich tatsächlich wie die Römer vor diesem gallischen Dorf? Setzen sich die Krankenhäuser wirklich dank einem Zaubertrank erfolgreich durch? Soweit ich die Routine kenne, wird dieser Zaubertrank aus den Mitarbeitern zubereitet. Genauer gesagt – ausgequetscht. Und von denen wird immer weniger.
    Wie Sie aber richtig beschreiben – die Abwehrstrategie ist perfekt. Solange jedoch der Spezialisierungswahn und Ausrichtung der medizinischen Versorgung auf die Uni-Kliniken und große Krankenhäuser von den Römern vorangetrieben werden, werden Asterix und Obelix aus Ihrer Pressekonferenz ihr Zaubertrank auch aus einer anderen Quelle schöpfen. Die Uni-Kliniken dürfen bekanntlich nicht sterben, sie setzen aber die Standards für alle, auch für die, die tatsächlich ums Überleben kämpfen. Mein Vorschlag an die Römer:
    1. statt ins Blaue globale Projekte zu schießen eine Softwareentwicklung (bzw. Anpassung) für Krankenhäuser vor Ort unterstützen
    2. statt Qualitätsstandards Top-Down durchzudrücken und somit die Behandlungslandschaft kaputt zu sparen allgemeine Regeln im Sinne eines ehrlichen Wettbewerbs unabhängig von der Größe und Finanzierungsquellen aufzustellen
    3. die medizinischen Berufe wirtschaftlich, sozial usw. wieder attraktiv zu machen
    4. Förderprogramme für den motivierten Nachwuchs zu erarbeiten – unsere zukünftigen Ober- und Chefärzte streben diese Positionen gar nicht mehr an
    Die Liste kann man verlängern.
    Als erster Schritt wäre ich dafür – wie in der Pflege- auch für Ärzte „Leitung Personal“ und „Leitung Prozesse“ zu trennen und die Leitungen „Prozesse“ z.B. zu Ihnen in die Schulung zu schicken um die echten „Feldgeneräle“ zu erziehen. Nur so kann der gallische Dorf samt seines Zaubertranks und seiner Zuneigung zu Bequemlichkeit auf Kosten von anderen zu Digitalisierung bzw. Modernisierung bewegt werden.

    • Als Autor bin ich natürlich weder Gallier noch Römer. Ich schreibe nur über sie. Vermutlich benötigen die Gallier mal einen Feldherrn, der nicht nur verteidigen, sondern gewinnen möchte.

Ich freue mich über Ihren Kommentar.

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